Sonntag, 27. September 2009

>Über den Dächern von Jerusalem<

Es war kein schöner Ausblick. Es war besser. Wir standen auf den Dächern in einem Labyrinth von Leben, überblickten eine Schar an Gebäuden, die vom Glanze der Heiligkeit, die sie umschweben soll ebenso erhellt wurden, wie sich durch ihre wuste Anordnung und ihre engen Gassen und dicken Mauern die bitteren Kämpfe erahnen liessen, die ihrerwegen gefochten wurden.

Es war ein mühsamer Austieg. Von einem Dach zum anderen, über Brücken, die sich wie Spielkarten zwischen die Wohnhäuser der armenischen Viertels schoben, an Antennen und Wascheleinen vorbei; schwindelerregende Abgründe taten sich neben uns an den Begrenzungen des Viertels, das zugleich die Klostermauer darstellte, auf. Da half nichts, Augen zu und über eben jene Mauer aufgesattelt kriechen. Und hier waren wir! Hinter uns klangen basssonor die schweren Glocken der armenischen Kirchenkuppel. Vor uns hing die Abendsonne wie eine überdimensionierte Apfelsine über dem Tempelberg und tauchte die christlichen, muslmischen wie jüdischen Weihestätten in apokalyptische Stimmung. Das Goldene Dach des Felsendoms wurde zu einer Perle in einem Meer aus Sandstein.

Welch ein würdiger Abschluss für den ersten Aid-Al-Fitr-Festtag. Die Strassen Jerusalems waren leergefegt, das muslimische Viertel hatte sich zum Feiern des Ramadaan-Endes ins Private der eingen vier Wände, hunderte von Jahren alt, zurückgezogen. Handbedruckte Stoffe auf dem Suq im Muristan-Viertel, Reliquien und Pilgerströme vor Jesu' Geburstkirche. Der Muhezinn ruft zum Gebet, und wir umwandern die von Süleiman 1535 erbaute Stadtmauer. Damaskustor mit osmanischen Zinnen, Löwentor mit seinen Legenden. Den Eintritt erspart man sich, in unserem Alter kann man sich auch noch durch das Drehkreuz mit Stacheldraht hindurchquetschen.
All die Schulhöfe auf den Dächern der dichtgedrängten Altsstadt sind leergefegt, nur ein Esel steht alleine in einem Haufen Müll bei der St. Anna-Kreuzfahrerkirche.
Kurz überlegen wir, ob wir nicht schnell eine Burka kaufen und uns so Zugang zum muslimisch bewachten Tempelberg verschaffen. Die Soldaten am Haupttor scheinen aber nicht den selben Humor wie wir europäische Rasselbande zu haben, und so begnügen wir uns mit der Via Dolorosa, um Jesus' Leidensweg anhand historisch wohl nicht ganz korrekten Stationen abzulaufen.

Schön ist es. Mit diesen Freunden, die man erst so kurz kennt, mit denen man aber doch viel teilt. Und wie ich mich freue, Anton und Clemens von Kulturweit in Jerusalem zu treffen! Alle zusammen feiern wir auf dem Ölberg, genauer auf dem Kaiser Wilhelm geschenkten Areal der „Auguste Victoria – Stiftung“, den Geburtstag einer Voluntärin an der deutschen evangelischen Gemeinde Jerusalems; inklusive Cellokonzert, inklusive Heimlaufen durch die Gassen der Altstat. Katzen streifen unsere Schritte, die uns über Steine führen, über die schon Saladin, Jesus, Mohammed, Perser liefen.
Bei Anton schlafen Sarah und ich in der Redeemer Church, und so weiss ich am nächsten morgen, nachdem der Muhezzin im Verbund mit dem Glockengeläut der naheliegenden Grabeskirche und den ersten Sonnenstrahlen in dieser fremende Stadt mich wecken, wo ich bin. Angekommen.

Aber noch wollen wir nicht zurück, noch geht’s nicht „heim“ nach Beit Jala, nach Talitha Kumi. Da wartet noch ein Kaffee in der mondänen, israelischen Weststadt. Schicke Studenten mit ebenso schicken Laptops, orthodoxe Juden mit obligatorischen Lockenwicklersträhnen am Ohr und Kippa-tragende Rastas begegnen uns in diesem Teil der Stadt, wo Orient und Occident verschwimmen und verschmelzen, wo Shawarma und Mc Donalds nebeneinander stehen. Und da rufen noch die eleganten Kunstausstellungen auf den Shoppingavenuen, die noblen Hotels, in denen man Klient spielt und umherstolzieren kann.

Es war ein Ausblick, besser als schön.
Eigentlich kommt man nicht weiter als bis zur armenischen Kirche, aber nach dem Vorangegangenem reicht der Tollsinn, um diese kleine Seitentreppe hinaufzusteigen, umherzuirren, an einer Tür nach der anderen vorbei, noch eine kleine Treppe hoch, eine kleine luftige Querverbindung entlang, zu gehen. Und wenn man dann schon so weit gekommen ist, dann folgt man auch der Einladung einer alten Armenierin auf ihr Dach, und von dort eben am Kirchendach vorbei. An kleinen Kuppeln entlang, über Mauern hinweg, tiefer ins Labyrinth. Da waren wir, und die meditative Atmosphäre wurde zerschnitten durch das Keifen einer Armenierin an ihrem Treppenabsatz, deren Kinder uns wieder herunter von den Dächern lotsten, uns „vor dem sicheren Tod retteten!“ und uns, beglückt und mit einem Busticket nach Hause in der Hand, auf dem jerusalemer Strassenpflaster stehen lassen.
>Hélas, zurück an die Arbeit!

4 Kommentare:

  1. Schön, dass du sowas machen kannst! Danke für die Berichte! -tat-

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  2. tino, ich komme ins land. leider habe ich deine mailadresse nicht, schreibst du mir also mal?
    uilagro

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  3. Terry, Tarah -- danke, das ihr hier immer wieder ein paar Worte hinterlasst, schön zu wissen, das jemand dabei ist ;) DANKE!

    UI --->>> Ich habe deine Emailadresse auch nicht, aber per AFSer habe ich dir eine Nachricht geschickt. Schau mal dort bitte...

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  4. ich habe diesen post nun schon 3 mal gelesen und finde ihn immer besser. danke fuer ein weing lektuere hier auf dem lande!

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