Montag, 14. September 2009

Depressionis Naturalis.

Fünf Tage sind nun schon vergangen, seid meine Füße Terra Sancta berührten. Passkontrolle, Heimfahrt. Einpacken, auspacken. Aber ein richtiges „Ankommen“ war mir nicht beschieden...

Sobald ich in Talitha Kumi, meiner Einsatzstelle für das kommende Jahr ankam -nicht ohne vorher schon einen Blick aus dem Auto auf die vielgepriesene, erwürdige Wälle Jerusalems werfen zu dürfen- war ich etwas aufgeschmissen. Ich wurde angewiesen, erstmal mit Sack und Pack im Eingang zum Guesthouse, den der Schule angeschlossenen Seminarräumen, zu warten. Mein Mentor Bernhard schaute zwar kurz vorbei, sagte mir aber eigentlich lediglich, bis Montag habe ich nicht zu arbeiten, aber schon am kommenden Tage solle ich in Bethlehem jeden Tag wie die anderen Voluntäre am Arabisch-Kurs teilnehmen.
Nach einer gewissen Weile des schwerelosen Schwebezustandes, in dem ich verloren um meine tausend Fragen umher schwebte, kamen die Anderen, mit denen ich das kommende Jahr verbringen sollte, aus Bethlehem zurück. Christoph ist mein Zimmernachbar, und er soll mich einführen, sagte man. Man sagte mir auch, wo sich die Waschküche befindet. Man sagte mir auch, wie ich auch Nachts noch gut in die Schule reinkomme, wenn nur noch die Nightguards draussen sind und man keine Lust hat, über den Stacheldraht zu klettern.
Sprich: Ich wurde sehr warm und gut aufgenommen. Auf die offensichtlichsten Fragen hatten die 8, die wirklich nette Leute sind und von ganz verschiedenen Programmen oder auch privat aus hier für ein Jahr sind, Antworten und für den ersten Abend war ich zwar konfus, aber doch beruhigt.

Nun sind aber wie eingangs bemerkt fünf Tage in die Täler und Hügel des Westjordanlandes geflossen. Wir kennen uns nun alle schon besser, ich habe schon einiges erlebt und mitbekommen – aber was „Einführung“ im Sinne meiner Arbeitsstelle, wofür meine Mitstreiter ja auch keineswegs zuständig sind, bedeutet, scheint mein Mentor wohl nicht zu wissen.
Heute war mein erster Arbeitstag – nach dem wir, das heisst Lara, Lena und ich am Sonntag unseren Stundenplan bekommen hatten und uns die 65 Unterrichtsstunden für DAF (Deutsch als Fremdsprache) in allen Altersklassen als Lehrerassistenten aufgeteilt hatten, hiess es also an meinem ersten Montag um 8:40 zur zweiten Stunde mit einer palästinensischen 2ten Klasse das Alphabet lernen. Oder auch ein blindes Kind aus der 7 zu betreuen. Oder auch 2 Flüchtlingsmädchen aus der 10 in der Klasse „zu unterstützen“. Und das waren ja nur die ersten Stunden... all das sollte ich nun also ohne jegliche Einweisung, ohne einmal vorher meinen „Chef“ gesprochen zu haben und ohne wirklich zu verstehen, an was für einer Schule ich nun gelandet bin, machen. An sich kein Problem, aber bei der heutigen Freiwilligenbesprechung, zu der Bernhard uns alle rief, kam auch nicht viel mehr rum und alle sprachen von Dingen, denen ich keinerlei Bedeutung oder Zuordnung verleihen konnte. Wer übernimmt die Arbeit in Arbrahams Herberge, ich soll wöchentlich mal zur Erlöserkirche in Jerusalem, Felix übernimmt die Aufteilung der Diap-Klassen. Ich stehe vor einem riesigen Güterbahnhof und die Züge rauschen ungebremst an mir vorbei.

Ich habe auch noch keine Schuluniform (für die Arbeit in der Küche des Gästehauses) bekommen, ich habe noch kein richtiges Visum, ich habe keine Orientierung.


Aber an dieser Stelle ist eine Zäsur wohl angebracht.
Es ist ja aus Erfahrung vollkommen logisch, dass man sich am Anfangs tierisch verloren vorkommt. Und dass ich die Einführungstage am See Genesareth, die die anderen vor 2 Wochen bekamen, verpasst habe, verbessert dieses Gefühl nicht eben. Und irgendwann muss man ja mit der Arbeit anfangen, und unterrichten bzw. Schüler betreuen ist mir nicht fremd, ich habe ja nicht umsonst Seminarleitung gelernt und Englischunterricht in Thailand gegeben.
Auch dass der Arabischkurs, der jeden Tag 3 Stunden dauert und von einer älteren Palästinenserin gehalten wird, für die „Pädagogik“ und „Geduld“ genauso fremd klingt, wie „maktuub“ und „eemda“ für mich, lässt mich nicht durchatmen.
Jeden Tag gibt es ungefähr 150 Worte neu zu lernen, aber keine Zeit steht dafür zur Verfügung. Und eine so fremde Sprache zu erlernen, ohne sie im Alltag zu benutzen, ist kein Kirschboden von Omama --- denn damit wäre das benannt, was mich wirklich schon nach so kurzer Zeit bedrückt. Ich bin hier zwar in Palästina. Ich sehe zwar die Mauer mit ihren beeindruckender Scheußlichkeit und den tollen Fresken darauf aus dem Fenster. Ich werde zwar auch von armierten israelischen Soldaten auf dem Weg nach Jerusalem (Händel-Konzert am Samstag Abend, und da auch noch mit einem fremden, nicht meinem Pass) gecheckt. Auch sehe ich verhüllte Frauen auf den Strassen Betlehems und kann vom Dach der Schule aus die Gebirge Jordaniens sehen. Aber ich bin nicht wirklich im Land!
Ich lebe mit 9 jungen deutschen Leuten zusammen, fast alle furchtbar interessant und alle in der selben Situation wie ich. Aber dadurch spielt sich der Alltag in der WG oder in der Gruppe in der Stadt ab. Oder aber in der Schule, die ebenso deutsch geprägt ist. Der Kern meines Unmuts, der lediglich durch die Erfahrung einer Hand voll Tage gespeist wird, besteht daher aus der Isoliertheit, der Enklave, in der ich hier umherschwirre. Aber noch gibt es Hoffnung, eine Gastfamilie zu finden und doch noch „palästinensisch“ zu leben. Und bis dahin verschaffe ich mir ein bisschen Orientierung, gewöhne mich an die Sicherheitslage (Checkpoints, Militärbasen, Mauer) und verschaffe mir einen Überblick über meine Tätigkeitsfelder (Klavierunterricht, Deutsch, Englisch?, Theater, Mediation..). Und vielleicht kann ich mich ja auch Ende der Woche bei Anton und Clemens, meinen Mitkulturweitlern in Ostjerusalem, ausheulen. Man wird sehen, man wird’s durchleben....

Also – meine lieben Daheimgebliebenen, meine lieben Weltenbummler.
Mein wackerer Pol in der Heimat und abenteuerlicher Trieb in der Ferne,

ich beende diesen wider viel zu langen Blog mit einem tiefen Durchatmen,
schon bald lichtet sich der Nebel und die Sonne scheint heraus.
Die Wüstensonne ist abends hier ausserdem wunderbar! Und dann schreit da noch der Muhezzin, und ich merke, dass ich doch weg bin. So richtig.

Tino, gerade unter einer trüben Wolke verschwunden. Aber der Wind kommt schon und bläst sie davon.

5 Kommentare:

  1. ich puste ganz viel für dich von meinem balkon im neunten stock aus, damit die wolke schnell vorbeizieht, bei dir drüben. und der wind kommt auch aus westen. durchatmen. ankommen.
    und, über jedes einzelne deiner worte freue ich mich!

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  2. ich schließe mich Anna an, dann geht's noch besser mit der Wolke... bisous

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  3. Und ich habe zwar einen Haufen grauen Beton um mich herum und verfüge nicht mal um einen Balkon, von dem ich Pusten könnte, aber dennoch kannst du dir meiner geistigen Unterstützung gewiss sein.

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  4. du hast so viel erreicht bis jetzt. dass du überhaupt dorthin kommen konntest und doch noch alles funktioniert hat...lass dich nicht unterkriegen.
    ich denke an dich. und bin überzeugt davon, dass du der fähigste mensch bist, den ich mir vorzustellen wage, um diese probleme zu bewältigen.
    herzallerliebste grüße
    annly. ;)

    PS: wegen der lehrerin im arabisch-kurs...sieh das ganze positiv. immerhin hat dich mein papi in puncto "pädagogik" bestens auf sie vorbereitet. :)

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  5. ah, das scheint ein teil der abenteuer zu sein, oder?
    Das du nicht weißt, was zu tun ist und wie, usw.

    Hoffentlich kommt das alles noch.

    du kennst sicherlich der spruch:

    "erstens kommt es anders....

    zweitens....

    als man denkt."

    -seufz-

    glg,
    -tat-

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