

In Ramallah steht ein schöner Garten, in dem man Kaffee oder Tee trinken kann.
Dort haben Sarah und ich uns wiedergefunden, als wir von unserem letzten Westbankabenteuer in Jenin zurückkehrten, was nun schon seit 3 Wochen zum Vergangenen zählt. In Ramallah liessen wir, erforderlich durch die Umstände des politischen Konflikts, in dem wir lebten, unser gesondertes Jordanienvisum ausstellen, und um in einem Nebensatz unsere herzzereissenden und tränenreichen Abschiedsszenen, Couchsurfer-Freuden und Gitarrenklänge in Amman abzuschnüren, attestiere ich hiermit einen herrlichen Verlauf unserer letzten gemeinsamen Reise.
In besagten Café mit Namen „La Vie“ stehen 4 Bäume. Ein Olivenbaum, mit knorkeliger Rinde; ein Granatapfelbaum, in voller schwerer Schwangerschaft mit prallen Früchten behangen. Ein Zirtonenbaum versprüht mit seinen dicken, saftigen Blättern immer eine angenehme Frische und zuletzt war dort ein Tuut-Baum, der allein schon deswegen so typisch für dieses Land ist, weil ich seine europäische Entsprechung nicht kenne. Jedenfalls pflanzt er sich durch kleine Beerenreben fort und spendet Schatten.
Ich bin nun schon aus dieser Natur raus. Raus aus meinem Umfeld, aus Talitha, aus der Westbank. Raus aus meinem UNESCO-Jahr. Ich sitze in dem bergigen Stadtteil Monsuria bei Beirut in der Wohnung einer neu gewonnenen Freundin, die ihre gesamte Haarpracht in einem einzigen dicken Dreadlock am Hinterkopf vereint und gerade an einer Theatermaske bastelt. Und da kommt mir der Duft der Granatäpfel zurück in die Nase und macht mich schmunzeln...
Olivenbäume werden alt wie Steine. So wie die unzähligen Steinkuppeln im Dächermeer der Städte am Geburtsort unserer Geschichte – der Olivenbaum trägt in seiner rauen Rinde so viele Furchen wie es das Heilige Land in seiner mindestens 4000 Jahren Geschichte als Spielfeld der Weltmächte seinen Bewohnern zugefügt hat. Ich bin durch diese Gassen gewandelt, ich habe Abenteuer erlebt und wohl des öfteren Blickwinkeln genossen, die die Olivenholz-Schnitzereien kaufenden Touristen aus aller Herren Länder missen mussten. Alles mit beiden Beinen auf der Erde, die das Interesse der gesamten Welt auf sich zieht.
Mein Jahr war nicht gerade ein leichter Happen für mich – Kompromisse im Arbeitsalltag einzugehen ist für einen selbstüberzeugten Tino eine Hürde. Ein komplizierter, fordernder, mit Intrigen aufgepeppter Talitha-Job mit all den Schülerstreichen war manchmal sauer wie die leckere Limon-Nana (Limonade mit Nana, Minze) meiner Gastmutter.
Die entscheidende Parallele zum Zitronenbaum im Garten „La vie“ möchte ich zu meinen bitteren Erfahrungen in Israel/Palästina ziehen. Erfahrungen, die tiefe Furchen in meinem Konzept des kühnen Menschengeschlechts hinterlassen haben – und meine trauende Skepsis zu euphorischen Rufen ueber "Weltfrieden" etwaiger Miss Universes mit einigen knallharten internationalen Verwicklungen untermauert haben. Ich habe im Garten “La Vie – Vue par Tino '09” Kontakte mit Gewalt, Tot, Hass und Ungerechtigkeit gemacht. Doch die Vitamine des Agrumsaftes sind wie die Energie, die Menschen egal wo durchströmt. Die Lebenslust. Es sind die selben Träume und Hoffnungen, Wünsche und Ansprüche, die man stellt. Trotz all der Depression in der Westbank, konnte ich erfahren, dass sich das Leben immer neue Wege bahnt und Triebe wachsen aus hohlen Ästen.
Öffnet man einen Granatapfel, sieht man ein Meer sanfter Kerne, hundertfach Samen für neues Leben. In den 3 Buch-Religionen gilt er deshalb als Sinnbild von Fruchtbarkeit und wird besonders von Juden als Wunschfrucht verschenkt, jeder Kern einen Traum symbolisierend.
So vielseitig wie die Innereien dieser wunderschönen Frucht waren die Welten, zwischen denen ich mich bewegte. Morgens von meiner Flüchtlingsfamilie zur Deutschen Schule, über Checkpoints in die Rainbow-City Tel Aviv. Von der fanatischen Spiritualität Jerusalems in die Kreise unserer lebensfrohen Pali-Freunde.
Fruchtbar sind Araber, dafür war meine Gastfamilie mit den 18 Kindern ein gutes Beispiel. Also kann ich mir beim Anblick des Granatbaumes die arabische Kultur mit all ihren Spektren einfallen. Eine Kultur, die ich leben durfte, konnte, musste.
Beim Tut-Baum kann ich gar nicht anders, als mir ein Schmunzeln zu genehmigen. Wie da plötzlich durch unser Wohnzimmerfenster im 2ten Stock eine kleine Hand voller gepflückter Tut-Beeren hereinschaut. „Tino, iss! Iss!“. Widerrede zwecklos, Mahadi, der mit den anderen im Baum vor unserer Türe herumklettert ist natürlich entschlossen, mich jede einzelne aus seiner Hand essen zu lassen. Das sind wahre Kinderfreuden, so wie Isra mit ihrem Telefonkabel als Sprungseil. Oder die Bastelkopien, die ich vom Sommercamp mitgebracht habe.
Familienleben also, soll dieser Baum für mich widerspiegeln. Beerdigungen mit ungesüßtem Kaffee, ich mit dem Spaten in der Hand. Schafemelken und lange Tage ohne Beschäftigung. Welch ein Leben ich hier führen durfte – welchen kosmischen Mächten ist zu danken?
...Seit wir von den Tischen in dem Garten aufgestanden sind, die Rechnung beglichen und Tassen mit Kaffeerändern hinter uns gelassen, hat Sarah und mich der Strom der Zeit weitergezogen, an weinenden Gesichtern und Reisen vorbei. Die letzten Schritte in Bethlehem wurden genossen, es wurde noch mal so richtig mit Leuten abgehangen. Abschiedsgeschenke habe ich gemalt und alle meine Schlüssel in Talitha abgegeben. Die Deutsche Botschaft wurde über unser Gehen informiert und Ahmad, ach mein lieber Ahmad, verschleppte den Abschiedsmoment von einem gemeinsamen Abend zum nächsten. Immer sollte es ein Adieu sein, doch das Wort möge er nicht. „Beshufak - Wir sehen uns“ sagte er mir am Bus zur Jordanischen Grenze. Ich habe einen wahren Freund gefunden – und ihn hinter mir gelassen.
Der Sog saugt un zieht. Sogar hier, in Budapest am Flughafen, auf halber Strecke zurück ins Land der Ordnungen und Fahrpläne, der grünen Bäume und der Liberalität. Von Jordanien und einer singenden Sarah am Flughafen hin nach Beirut, durch den Libanon, an Freigeistern, Weltklasse-Clubs und zerschossenen Kriegsruinen in der Innenstadt vorbei.
Hierher.
Und weiter.