Samstag, 26. Juni 2010

Been here, done that









Ich sitze hier zwischen einer Horde Instrumente tragender Kinder und Vorerwachsenen. Einige Franzosen, einige Palästinenser versuchen in die tonale Menge von Geklimper und mehr oder weniger professionellen Geigenstimmen Ordnung zu bringen. Das Hier lässt sich mit einer rot-gelb gestreiften Couch aus Bambus beschreiben, solche wie sie vor den mit orientalischen Mustern geschmückten Kacheltischen im Eingangsbereich unseres Gästehauses stehen. Die Frühstücksgästehausarbeit ist getan – und beim Schreiben dieses Wortes erinnere ich mich unwillkürlich an die Information aus den Heften des Deutschen Verbandes Deutscher Sprache, die ungeachtet monatlich neu in unseren Schulkorridoren ausliegen - „im Duden hat ein Durchschnittswort 11 Buchstaben“.


Ich habe lange nicht geschrieben – im vergeblichen Warten auf die Muse habe ich mich nun einfach hingesetzt, um ein bisschen zu palavern. Darüber, wie sich mein Leben hier im letzten Monat noch einmal komplett geändert hat, wie ich Freiheit und Abwechslung geniesse, Konzerte besuche, Human-Rights-Watch anschreibe und mich im nah-östlichen Paragraphendschungel von verfeindeten Ländern hoffnungslos verirre.

„Es fing alles an...“ vor rund 3 Wochen. Die Schule war zu Ende, und mit diesem elementaren Wandel in meiner Alltagsplanung kam auch der totale Umbruch – ich bin umgezogen. Von einer selbstgebastelten Couch mit ca. 5 cm dicker Stoffmatraze, deren Stoffhülle durch die Kaffeeflecken und andere jahrelange Verschmutzungen ein indischen Muster in Pink erahnen lässt, zu einem Doppelbett. Von 25 arabischen Flüchtlingen zu einer deutschen Lehrerin. Von einer regelrechten Müllhalde, teils von wellblechbewohnenden Schafen und Wachteln verziert zu einem Garten mit Dattelpalme. Von einem Schlauch in der Wand zu einer Badewanne, und der Clou des Ganzen – die Steinplatte mit von Zucker und Essensrückständen klebenden Plastikbehältern fürs Allerlei wurde nun durch eine vollausgestatte Küche ausgetauscht, deren Grundfläche den Zimmern der Eltern, Mahadis und der Mädchen in einem entspricht.

Einige Beiträge zuvor mögen indiziert haben, dass das Leben durch meinen beständig nörgelnden und schimpfenden Gastgroßvater, die Atmosphäre harter Bandagen und grober Worte und die nach 10 Monaten meinen Tatdrang hemmende Einschränkungen in Umgang und Freiheit in meiner Gastfamilie, so sehr ich sie liebe und dankbar sein muss und bin, recht schwierig wurde. Oder eher gesagt, denn schwierig war es von Anfang an für mich, wurde der Wunsch in mir größer zum Ende meines Jahres noch einmal Freiheit und Selbstständigkeit zu geniessen, um Freunde einzuladen, mich auf Projekte vorbereiten zu können und einfach mal ein Buch in die Hand nehmen zu können. Ob ihr's glaubt oder nicht, wenn man sich bei Al Rafatis auf die Treppe in den Sonnenschein setzt, sind spätestens nach 2 gelesenen Sätzen mindestens 5 Kinder um einen herum, die einen annähernd jede Möglichkeit nehmen, seiner Tätigkeit des Entweichens in eine andere Welt der Druckerschwärze weiter nachzugehen. Mein Leben in Palästina eben. Bisher.

Eleonore, deutsche Lehrerin an Talitha Kumi, und durch Theater- und Kletter-AG sowie den täglichen freundschaftlichen Umgang eine liebgewonnene Freundin in diesem Land, hatte mich bei meiner Wohnungssuche zu sich eingeladen. Sie wolle nach Deutschland über die Ferien, und die Katzen wollen versorgt sein. Der Haupantrieb wird aber wohl ihre enorme Güte sein – was hatte ich für wundervolle 2 Wochen, die ich mit ihr teilen konnte in der Wohnung. Schöne (!) Gespräche am Abendessen, Gelächter über Anekdoten und viel Freude Schöne Harmonie.. endlich.


Mittlerweile bin ich täglich bis 13 Uhr mit Kinderkünstlern beschäftigt – im Sommercamp betreiben wir Volontäre eine Kunstwerkstatt, machen Sport und Musik. Palästinensische Organisationsweise und nicht der größte Elan von vielen Seiten her machen dieses Camp, wie es in den besetzten Gebieten von allen größeren Organisationen (UN, NGO's..) und Privatschulen angeboten wird (es soll hierbei nur das Wort „Bewegungseinschränkung“ und damit der Groschen fallen), zu einer netten, aber nicht zur Herzensaktionen. Kleine Arbeiten fallen an, 2 Tage land spielten wir Schneemännder und strichen uns selbst und die Schulkorridore an. Ordner sortieren, Gäste beim Essen bewirten. Mashi al 7al, der Sommerjob gönnt Zeit.

Zeit. Hatten wir nun zu wenig, um uns genügend und wehrhaft auf den Krieg der Diplomaten vorzubereiten, der sich hier als ewiges Ausspielen zwischen den verfeindeten Ländern Syrien, Libanon und Israel / Besetzte Gebiete abspielt. Aber was soll ich mich da beschweren? Am meisten leiden die Palästinenser selbst drunter, weil die weder von Israel toleriert noch mit Freiheit bedacht werden, noch von ihren „arabischen Brüdern“ (über den Trugschluss, den dieser Begriff in sich trägt , hatte ich schon geschrieben) in den angrenzenden Ländern willkommen werden. Im syrischen Diplomatenjargon gibt es kein Israel, selbstverständlich. Doch wer sich des Verdachts sündig macht, jemals einen Fuss auf „Besetztes Palästina“ gesetzt zu haben (sei es auch in der Westbank, um „den Palästinensern zu helfen“), wird Damaskus nicht riechen und sehen dürfen.

Das war ja ja auch klar. Zwei Pässe haben Sarah und ich, wenn auch für Sarah nur durch einige Umwege über Amman erreicht. Dann stellt sich die Frage, woher man den Einreisestempel für Jordanien bekommt, nachdem man mit dem einen Pass eingereist ist – auch das war vorhersehbar, und es gab einige Möglichkeiten, an diese Bescheinigung ran zu kommen. Glücklicherweise haben wir auch einen Freund in der jordanischen Botschaft in Tel Aviv.

Aber soll ich nun wirklich ausholen und den ganzen Rest erzählen, von den Umständen, die selbst ich bald nicht mehr verstehe?

Grob gesagt scheint am Ende eines langen Prozesses von Botschaftsemails, Anrufen, Rückfragen zu den vielen geheimen, mehr oder weniger legalen Möglichkeiten die geplante Rückreise über Syrien und den Libanon nicht mehr möglich. Seit Kürzerem muss bei jeglicher Einreise nach Syrien das Visum im Vorhinein besorgt sein, und ist nicht an den Grenzübergängen erhältlich. Ausgenommen davon scheinen allerdings Australier.

Das Visum ist nicht in der nächsten syrischen Botschaft (für uns Amman) zu erbitten, sondern im Heimatland des Passes. Für Sarah also Berlin, für mich Paris. Sarahs Pass ist mit „Amman“ als Ausstellungsort verziert. Wir können unsere Pässe nicht von hier zu den Botschaften schicken, da natürlich der Poststempel uns verraten würde. Die Deutsche Botschaft Amman erkärt es zudem als unmöglich, Sarah's Pass, der immer noch bei ihnen verweilt, per Diplomatenpost nach Berlin zu schicken und dann weiter an die Botschaft. Alles andere bräuchte zu viel Zeit. Und wie haben wir blanke Pässe, sind aber für Syrien offiziell in Jordanien? Die Visagebühren, je nach Nationalität des Antragstellers unterschiedlicher Höhe, werden von den Botschaften einbehalten, auch wenn das Visum abgelehnt wird.Der Libanon ist seit dem Krieg (2006) auf Öffnung zu Touristen angewiesen. Ein Flug von Amman nach Beirut würde meine Spuren verwischen, und offiziell (solange nicht die Flugdaten überprüft würden) könnte ich aus Frankreich angeflogen sein. Mein CO2-Konto lässt mir dann aber keine Ruhe mehr...

Doch mit wem? Sarah würde im Falle, dass wir nicht in die Gunst der Ausnahmefälle and er syrischen Grenze kommen, nicht nach Beirut mitkommen. Nehmt es als offenen Hilferuf auf, wenn ich Ende Juli bis Mitte August das Reisefieber verspürt – ich werde da sein! ;)


Nun – und sonst passieren noch einige Dinge, von denen ich hier nicht gerne schreiben möchte. Es geht um Gefägnisstrafen für arme Bekannte, um Verfolgung und Folterung von palästinensischen Freunden und um einige Gerüchte bezüglich der Ghaza-Schiffe. Ja, das ist das Band, das sich zwischen uns spannt – die Nachrichten, die euch nun überfluten, sind hier Alltag, stetiger Gesprächsstoff. Jeder kennt jeden, und mindestens einen der entweder da ums Leben kam, hier auf einem Schiff der Flottilas war, LKW-Fahrer für die Hilfsgüter oder selbst israelischer Wehrdienstleistender am Ghaza-Streifen ist. Als Abschlussinformation streue ich nun noch etwas korinthisches Exkrement ein und sage euch, das „Gaza“ eigentlich „Raza“ ausgesprochen wird. „Gh“ ist in arabischer Umschrift das französischen Kehlen-Rrr. Top, hm?


Ich lebe also. Die letzten Atemzüge eines erfüllten Lebens in Bethlehem City, Liebschaft meines FSJ's. Heimstatt meiner Freunde. Nun noch ein Findschan arabischen Kaffee und zum Gesangs-Workshops der Barenboim-Stiftung, die wie zu Anfang erwähnt derzeit ein Camp in Talitha macht.

Der Bogen ist geschlossen, ich verabschiedet.


Mein neues Domizil - soviel Glück ist ungerecht.

















Shoa-Seminar in Haifa. Der Angst gestellt, sich mit der anderen Tragik beschäftigt. Und ja, auch wunderbare Menschen genossen...

Dienstag, 8. Juni 2010

Bild - Nachtrag








Unsere Volontärs-Verabschiedung bei der Morning-Devotion

Montag, 7. Juni 2010

Der Vorhang fällt -



Zur Zeit ist jeder Moment ganz intensiv. Da ist was, dass die Tage in eine anrührende Weihe taucht. Mein Unterbewusstsein? Die Vorahnung dessen, was kommen wird – und das wird ein Fehlen sein. Das werde Ich an wieder an einem ganz anderem Ort der Welt sein. Sind es die Schatten, die das Missen schlägt, die, die ich jetzt noch gar nicht nachvollziehen kann?

Wie werde ich denn die anstrengenden, unmotivierten 7er vermissen? Und das ewige Wiederkauen von Do-Re-Mi bei Ramsi, der einfach nie übt. Ja, mit der blinden Lara komme ich zwar immer weiter voran, aber ohne ihren Dickkopf kann ich auch gut leben. Cliquende Boarding-Mädels und lange Arbeitstage ohne Ruh'. Doch! ein Kapitel geht seinem Ende zu, und lässt die letzten Zeilen verlauten. ..Es wird noch lange hallen, schwant mir.


Montag morgen, die Volontäre treffen sich zu unchristlicher Stunde. Schon um 7:15, mault Felix.

Schnell noch Kopien machen, auf dem Weg Miss Nidal grüßen. Eines der letzten Male dass ich das mache? Die Antwort liegt auf der Hand.

Es ist Morgenandacht, und die Volontäre vom Jahrgang 2009/2010 verabschieden sich von der Schülerschaft. Von unseren Tobewichten, den 7 Sorgen, den Nervensägen und den bildermalenden 2.-Klässlerinnen mit Zöpfchen. Wir sprechen, wir bedanken uns und jeder sagt in einem Satz auf Deutsch und Arabisch, was ihm das Jahr gewürzt hat. „There is a famous group in Germany which found quite good words for what we want to say..“ – gemeinsam singen wir „Wir hatten eine gute Zeit“ von den Wise Guys, im Hintergrund laufen Bilder von uns und dem Jahr ab. Die Schüler sind ungewohnt still, finde ich. Vielleicht ist es aber auch die Art Watte, in die ich mich gepackt fühle.

[ http://www.youtube.com/watch?v=41Ni4-6aGxA (hört auf den Text)]


Diese eine Schulwoche. Der letzte Montag morgen an Talitha Kumi School.

Die Schüler kommen zu ihrer letzten Klavierstunde. Einer hat das Buch geschafft, ganz durch!

Kinder laufen mit großen Augen zu mir in der Pause, wie die vergangenen 9 Monate auch – sie fragen nach den Pausenspielen und offenbar verstehen sie nicht, dass Tino nach den Ferien nicht mehr da sein wird. Und wenn es dann soweit ist, werden sie auch nicht merken, dass er nicht mehr da ist.

Die Sonne scheint auf uns, wo wie wir mit Schülern auf den Bänken die Freistunde geniessen. Amanda und Juliana reden, wir essen Pflaumen und lachen.

Die letzten Volontärssitzungen, in denen man keinen vernünftigen Satz aneinander reihen kann, alle Nase lang einer wieder Blödsinn macht; man vor lauter Lachen vergisst, sauer zu sein, weil man „schon wieder“ nichts gescheites auf die Beine kriegt. „Leute, jetzt konzentriert euch doch mal!“, und Felix schaltet mitten in einer Abstimmung einfach mal Disco-Mucke an... ach, ihr Pappnasen! Es wird einfach weiter gehen ohne sie. Unser Team. Unser Jahr.


Das Jahrbuch ist bald fertig. „Unser Baby“, sagt Miss Nidal immer. Sie ist in der Schulleitung und eine wirklich sehr interessante Araberin, sehr gebildet und mit konservativen, aber weltoffenen Einstellungen. Das Cover habe ich gemalt, und bald wird es 1000x gedruckt. „Inshallah“.

Die Vorbereitungen für das Sommercamp laufen, Sarah und ich planen unseren Kunst-Workshop, wir besorgen und informieren und stecken trotzdem noch „nebenbei“ im Schulalltag.


Ich bin umgezogen, was definitiv mehr Beschreibung benötigt. Ich muss da einige Gedanken für mich sortieren, denn der Abschied aus meiner Gastfamilie war emotionaler, als ich es von ihnen erwartet hätte. Die Gründe möchte ich noch mal zusammenfassen und den Ausblick auf meine letzten 2 Monate geniessen; ja, das werde ich hoffentlich bald machen können. Auf jeden Fall aber lebe ich nun an der Grenze zwischen Beit Jala (wo sich auch Talitha befindet) und Bethlehem, marikiert durch eine Strassenkreuzung. Von einem Füllhorn ins andere rutschend bin ich nun bei der gütigen, guten Elli untergekommen, einer deutschen Lehrerin, über die ich euch noch einige amüsante Sachen erzählen mag. Ich geniesse jetzt also einen Fussboden, auf dem ich barfuss laufen kann; eine Küche, die aus mehr als Kakerlaken und einer Steinplatte besteht und mich als Mann nicht vom Herd verbannt. Hier gibt es ein Bad, das nicht immer voller Schafsdreck ist, sogar mit Klospülung! Ich kann hier Musik hören und auf der Veranda sitzen. Ein bisschen Leichtes möchte ich mir jetzt erlauben. Genuss, in den letzten Wochen. Und vor allem Freiheit, denn wir wollen noch viel unternehmen und vorallem viel mit unseren Freunden 'abhängen'. Eine elementare Freude, der ich bei meinem Sidi (dem Sheih) nicht ohne schlechtem Gewissen nach gehen kann...


Der schwere Rote Samt legt sich auf die Bühne meiner Gefühle. Applaus gibt’s später, aber der Abgang beginnt...



















gegenüber

es ist keine Überraschung
doch es wurde erwartet
es ist ein Defekt mit dem wir geboren sind.

wir halten andere fern
wir schützen uns mit Mauern
statt unterschiedlich zu denken und
Leute zu umarmen,
nur weil wir Angst haben.

wir kämpfen mit anderen
wir hassen sie und teilen sie in Gruppen.

warum kommen wir nicht mit?
warum akzeptieren wir sie nicht?

ein Traum, ein Wort, eine Stimme und
ein Schritt, sind alles was wir
brauchen um eine neue Welt zu bilden

mit hass wurden wir geboren
aber auch mit liebe.

während er sich wundert wer
und du dich wunderst wie

sie wundert sich wann und ich mich
warum

wer macht einen Unterschied?

Schrei! Weine! Ich bin neben dir
miteinander können wir unsere Schmerzen
beweinen.

Frag mich und ich antworte dir,
aber bilde keine Mauer zwischen uns,
es macht mehr kaputt, als dass es gut macht.

es geht nicht darum dass wir nicht können
sondern dass wir es nicht wollen

wir wissen was richtig ist aber
machen es falsch

brecht ab die Mauer!
wir müssen etwas tun – nicht andere
heute - nicht morgen.



Die Autorin Amanda Manasra ist 15 Jahre alt und besucht gegenwärtig die elfte Klasse in Talitha kumi. Sie lebt mit ihrer älteren Schwester, ihrem Vater und ihrer Stiefmutter im Deheishe-Flüchtlingscamp in Bethlehem. Obgleich Muslima, bezeichnet sie sich selbst als Punk. Sie möchte nach dem Tawjihi Politische Wissenschaften studieren.

Stolze Gewinnerin einer Leibzig-Reise für 2 beim Lyrik-Wettbewerb des Goethe-Instituts in Ramallah unter dem Titel „GegenÜber ← “. Sie wollte mich mitnehmen, weil ich mit ihr daran gearbeitet habe. Ach, Amanda!