Ich sitze hier zwischen einer Horde Instrumente tragender Kinder und Vorerwachsenen. Einige Franzosen, einige Palästinenser versuchen in die tonale Menge von Geklimper und mehr oder weniger professionellen Geigenstimmen Ordnung zu bringen. Das Hier lässt sich mit einer rot-gelb gestreiften Couch aus Bambus beschreiben, solche wie sie vor den mit orientalischen Mustern geschmückten Kacheltischen im Eingangsbereich unseres Gästehauses stehen. Die Frühstücksgästehausarbeit ist getan – und beim Schreiben dieses Wortes erinnere ich mich unwillkürlich an die Information aus den Heften des Deutschen Verbandes Deutscher Sprache, die ungeachtet monatlich neu in unseren Schulkorridoren ausliegen - „im Duden hat ein Durchschnittswort 11 Buchstaben“.
Ich habe lange nicht geschrieben – im vergeblichen Warten auf die Muse habe ich mich nun einfach hingesetzt, um ein bisschen zu palavern. Darüber, wie sich mein Leben hier im letzten Monat noch einmal komplett geändert hat, wie ich Freiheit und Abwechslung geniesse, Konzerte besuche, Human-Rights-Watch anschreibe und mich im nah-östlichen Paragraphendschungel von verfeindeten Ländern hoffnungslos verirre.
„Es fing alles an...“ vor rund 3 Wochen. Die Schule war zu Ende, und mit diesem elementaren Wandel in meiner Alltagsplanung kam auch der totale Umbruch – ich bin umgezogen. Von einer selbstgebastelten Couch mit ca. 5 cm dicker Stoffmatraze, deren Stoffhülle durch die Kaffeeflecken und andere jahrelange Verschmutzungen ein indischen Muster in Pink erahnen lässt, zu einem Doppelbett. Von 25 arabischen Flüchtlingen zu einer deutschen Lehrerin. Von einer regelrechten Müllhalde, teils von wellblechbewohnenden Schafen und Wachteln verziert zu einem Garten mit Dattelpalme. Von einem Schlauch in der Wand zu einer Badewanne, und der Clou des Ganzen – die Steinplatte mit von Zucker und Essensrückständen klebenden Plastikbehältern fürs Allerlei wurde nun durch eine vollausgestatte Küche ausgetauscht, deren Grundfläche den Zimmern der Eltern, Mahadis und der Mädchen in einem entspricht.
Einige Beiträge zuvor mögen indiziert haben, dass das Leben durch meinen beständig nörgelnden und schimpfenden Gastgroßvater, die Atmosphäre harter Bandagen und grober Worte und die nach 10 Monaten meinen Tatdrang hemmende Einschränkungen in Umgang und Freiheit in meiner Gastfamilie, so sehr ich sie liebe und dankbar sein muss und bin, recht schwierig wurde. Oder eher gesagt, denn schwierig war es von Anfang an für mich, wurde der Wunsch in mir größer zum Ende meines Jahres noch einmal Freiheit und Selbstständigkeit zu geniessen, um Freunde einzuladen, mich auf Projekte vorbereiten zu können und einfach mal ein Buch in die Hand nehmen zu können. Ob ihr's glaubt oder nicht, wenn man sich bei Al Rafatis auf die Treppe in den Sonnenschein setzt, sind spätestens nach 2 gelesenen Sätzen mindestens 5 Kinder um einen herum, die einen annähernd jede Möglichkeit nehmen, seiner Tätigkeit des Entweichens in eine andere Welt der Druckerschwärze weiter nachzugehen. Mein Leben in Palästina eben. Bisher.
Eleonore, deutsche Lehrerin an Talitha Kumi, und durch Theater- und Kletter-AG sowie den täglichen freundschaftlichen Umgang eine liebgewonnene Freundin in diesem Land, hatte mich bei meiner Wohnungssuche zu sich eingeladen. Sie wolle nach Deutschland über die Ferien, und die Katzen wollen versorgt sein. Der Haupantrieb wird aber wohl ihre enorme Güte sein – was hatte ich für wundervolle 2 Wochen, die ich mit ihr teilen konnte in der Wohnung. Schöne (!) Gespräche am Abendessen, Gelächter über Anekdoten und viel Freude Schöne Harmonie.. endlich.
Mittlerweile bin ich täglich bis 13 Uhr mit Kinderkünstlern beschäftigt – im Sommercamp betreiben wir Volontäre eine Kunstwerkstatt, machen Sport und Musik. Palästinensische Organisationsweise und nicht der größte Elan von vielen Seiten her machen dieses Camp, wie es in den besetzten Gebieten von allen größeren Organisationen (UN, NGO's..) und Privatschulen angeboten wird (es soll hierbei nur das Wort „Bewegungseinschränkung“ und damit der Groschen fallen), zu einer netten, aber nicht zur Herzensaktionen. Kleine Arbeiten fallen an, 2 Tage land spielten wir Schneemännder und strichen uns selbst und die Schulkorridore an. Ordner sortieren, Gäste beim Essen bewirten. Mashi al 7al, der Sommerjob gönnt Zeit.
Zeit. Hatten wir nun zu wenig, um uns genügend und wehrhaft auf den Krieg der Diplomaten vorzubereiten, der sich hier als ewiges Ausspielen zwischen den verfeindeten Ländern Syrien, Libanon und Israel / Besetzte Gebiete abspielt. Aber was soll ich mich da beschweren? Am meisten leiden die Palästinenser selbst drunter, weil die weder von Israel toleriert noch mit Freiheit bedacht werden, noch von ihren „arabischen Brüdern“ (über den Trugschluss, den dieser Begriff in sich trägt , hatte ich schon geschrieben) in den angrenzenden Ländern willkommen werden. Im syrischen Diplomatenjargon gibt es kein Israel, selbstverständlich. Doch wer sich des Verdachts sündig macht, jemals einen Fuss auf „Besetztes Palästina“ gesetzt zu haben (sei es auch in der Westbank, um „den Palästinensern zu helfen“), wird Damaskus nicht riechen und sehen dürfen.
Das war ja ja auch klar. Zwei Pässe haben Sarah und ich, wenn auch für Sarah nur durch einige Umwege über Amman erreicht. Dann stellt sich die Frage, woher man den Einreisestempel für Jordanien bekommt, nachdem man mit dem einen Pass eingereist ist – auch das war vorhersehbar, und es gab einige Möglichkeiten, an diese Bescheinigung ran zu kommen. Glücklicherweise haben wir auch einen Freund in der jordanischen Botschaft in Tel Aviv.
Aber soll ich nun wirklich ausholen und den ganzen Rest erzählen, von den Umständen, die selbst ich bald nicht mehr verstehe?
Grob gesagt scheint am Ende eines langen Prozesses von Botschaftsemails, Anrufen, Rückfragen zu den vielen geheimen, mehr oder weniger legalen Möglichkeiten die geplante Rückreise über Syrien und den Libanon nicht mehr möglich. Seit Kürzerem muss bei jeglicher Einreise nach Syrien das Visum im Vorhinein besorgt sein, und ist nicht an den Grenzübergängen erhältlich. Ausgenommen davon scheinen allerdings Australier.
Das Visum ist nicht in der nächsten syrischen Botschaft (für uns Amman) zu erbitten, sondern im Heimatland des Passes. Für Sarah also Berlin, für mich Paris. Sarahs Pass ist mit „Amman“ als Ausstellungsort verziert. Wir können unsere Pässe nicht von hier zu den Botschaften schicken, da natürlich der Poststempel uns verraten würde. Die Deutsche Botschaft Amman erkärt es zudem als unmöglich, Sarah's Pass, der immer noch bei ihnen verweilt, per Diplomatenpost nach Berlin zu schicken und dann weiter an die Botschaft. Alles andere bräuchte zu viel Zeit. Und wie haben wir blanke Pässe, sind aber für Syrien offiziell in Jordanien? Die Visagebühren, je nach Nationalität des Antragstellers unterschiedlicher Höhe, werden von den Botschaften einbehalten, auch wenn das Visum abgelehnt wird.Der Libanon ist seit dem Krieg (2006) auf Öffnung zu Touristen angewiesen. Ein Flug von Amman nach Beirut würde meine Spuren verwischen, und offiziell (solange nicht die Flugdaten überprüft würden) könnte ich aus Frankreich angeflogen sein. Mein CO2-Konto lässt mir dann aber keine Ruhe mehr...
Doch mit wem? Sarah würde im Falle, dass wir nicht in die Gunst der Ausnahmefälle and er syrischen Grenze kommen, nicht nach Beirut mitkommen. Nehmt es als offenen Hilferuf auf, wenn ich Ende Juli bis Mitte August das Reisefieber verspürt – ich werde da sein! ;)
Nun – und sonst passieren noch einige Dinge, von denen ich hier nicht gerne schreiben möchte. Es geht um Gefägnisstrafen für arme Bekannte, um Verfolgung und Folterung von palästinensischen Freunden und um einige Gerüchte bezüglich der Ghaza-Schiffe. Ja, das ist das Band, das sich zwischen uns spannt – die Nachrichten, die euch nun überfluten, sind hier Alltag, stetiger Gesprächsstoff. Jeder kennt jeden, und mindestens einen der entweder da ums Leben kam, hier auf einem Schiff der Flottilas war, LKW-Fahrer für die Hilfsgüter oder selbst israelischer Wehrdienstleistender am Ghaza-Streifen ist. Als Abschlussinformation streue ich nun noch etwas korinthisches Exkrement ein und sage euch, das „Gaza“ eigentlich „Raza“ ausgesprochen wird. „Gh“ ist in arabischer Umschrift das französischen Kehlen-Rrr. Top, hm?
Ich lebe also. Die letzten Atemzüge eines erfüllten Lebens in Bethlehem City, Liebschaft meines FSJ's. Heimstatt meiner Freunde. Nun noch ein Findschan arabischen Kaffee und zum Gesangs-Workshops der Barenboim-Stiftung, die wie zu Anfang erwähnt derzeit ein Camp in Talitha macht.
Der Bogen ist geschlossen, ich verabschiedet.
Mein neues Domizil - soviel Glück ist ungerecht.
Shoa-Seminar in Haifa. Der Angst gestellt, sich mit der anderen Tragik beschäftigt. Und ja, auch wunderbare Menschen genossen...