Mittwoch, 31. März 2010

Dienstag, 16. März 2010

Funken speien











Es brodelt in Nah-Ost.

Alle reden sie hier davon, es wird spekuliert, gegrölt, paroliert. Die Nachrichten laufen auf Hochtouren, dabei aber so einseitig man es sich nur vorstellen kann auf beiden Seiten, gegenseitiger Austausch und somit Verständnis kommt ganz und gar nicht auf und daran können auch all die tollen NGO's und Alternativen Informations Centren in breiter Fläche nichts ändern.
Es soll morgen zur dritten Intifada kommen. Ich glaube nicht daran, doch was heisst das schon. Die Westbank ist müde, sie wird sich nicht flächendeckend erheben – doch ganz bewusst drückt der gebeutelte Schuh die Palästinenser, zu 90% Moslems (ohne Gaza), an der Religion. Mein Gastvater lässt sich dazu zitieren, dass sie hier vieles und alles ertragen. Unterdrückung, Hauszerstörungen, Gefangennahmen, Einkerkerung in einem Gebiet vergleichbar mit einem fünftel Hessens sind Alltag, davon habe ich schon zu genüge geschrieben. Doch ein Rotes Tuch wird gehisst wenn es an den Grundstock des Selbstverständisses geht. Das Heilige Land ist von Grund auf von dem verwirrenden Nebeneinander all dieser religiösen Gruppen geprägt, von denen wir auf einem Seminar letzte Woche in Haifa wieder einige uns Unbekannte kennen lernen durften. Die Zugehörigkeit zu einer Konfession bestimmt den Freundeskreis, die Zukunftsaussichten, die politischen Rechte, die Gerichtsbarkeit, den Ehepartner, den Lebensweg. Kopftuch oder nicht, Schläfenlocken, Druse, griechisches Patriarchat oder Sekular. Alle sind sie verzeichnet in den beizuführenden ID-Cards...

Es soll wohl bei euch nicht drüber geredet worden sein. Ich schlüpfe nun in die Rolle eines Klaus Kleber und greife dem vorweg, was morgen (Dienstag) wohl über alle Mattscheiben des Planeten flimmern wird – Ostjerusalem ist militärisch abgeriegelt, an jedem Altstadttor stehen 40 Soldaten. Botschaften verschicken Sicherheitswarnungen, ich bekomme sie jeweils in zwei Sprachen. Seit 3 Tagen sind die Checkpoints geschlossen, die Ernährer unserer Familie sitzen zu hause und drehen Däumchen, tausende Palästinenser verlieren ihre Arbeit in Il-Quds, Yerushalayim, Jerusalem, der Heiligen. Nur Ausländer und Träger bestimmter, lebenslänglicher Permits oder medizinischer Schwerstfälle kommen rüber, und das alles hat einen lang geplanten Grund:
Morgen wird die seit jordanischer Zeit zerstörte und nun wiederhergestellte Synagoge in der Altstadt eingeweiht. Davon unabhängig, aber von außen als jüdische Großoffensive wirkend, haben ultra-orthodoxe Gruppen dazu aufgerufen, den Felsenberg zu „begehen“, natürlich begleitet und beschützt von Militär, und dort an der Al-Aqsa-Moschee, Hauptheiligtum der Moslems jenseits Mekkas und Medinas, einen „Grundstein für den Tempel Davids“ zu legen.
Solche ganz klaren Verstösse gegen jeglichen Respekt und reine Provokation vermischt sich mit dem allgemeinem Entsetzen, mit denen machtlos der Untertunnelung und damit dem Einsturz eines der prächtigsten islamischen Baudenkmäler zugesehen werden muss, während die UNESCO sich um Waldschlösschenbrücken kümmert. Im Zuge von „archäologischen Arbeiten“ wird der Bereich unter dem Plateau des Felsenbergs unterhöhlt, auf der Suche nach Überbleibseln des 2ten Tempels der Juden. Man könnte auch anfangen, unter Jesu Grab im Heiligen Sepulchre nach römischen Mosaiken zu suchen...
Für Sarkasmus bleibt eigentlich wenig Platz. Das islamische Ausland meldet sich entschieden zu Wort, die Säbel rasseln und Libanons Grenzen werden wohl nicht ohne Grund verstärkt.
Doch hier hofft jeder auf den übernächsten Tag, an dem aufgestanden werden kann und keine Schüsse fallen. Die Christen sähen sich in einen Krieg gestürzt, deren Überzeugung sie nicht stützen. Die Palästinenser würden weiterem unglaublichem Leid ausgesetzt sein, die Kinder würden den Verstand verlieren. Die harte Arbeit der vergangenen 10 Jahre, in denen in der internationalen Staatengemeinschaft und sogar ansatzweise innerhalb der Bevölkerungen Mitteleuropas und Nordamerikas eine breitere Anerkennung der Tatsache stattfand, dass nicht alle Palästinenser Terroristen sind und eine 60 Jahre lange Besatzung mit all ihren Lebensrealitäten und Tyranneien keine einseitige Schuld findet. Jene Errungenschaften, sowie die nun häufiger auftretende Kritik an israelischen Apartheids-Maßnahmen und Siedlungsbau in westlichen Medien, würde in Staub zerfallen, wenn nun wieder Gewalt ausbrechen würde. Es war erstaunlich ruhig das vergangene Jahr – dass bestimmte Interessensgruppen eine solche Rage provozieren möchten, liegt offen da.
Der Siedlungsbau wurde wieder in Angriff genommen, eine Schülerin und gute Freundin wird ihre Mutter wohl nicht mehr besuchen können, weil das Dorf, in der sie lebt, all ihrer Familienbesitze und -felder beraubt, vom „Sicherheitszaun“ eingekreist werden soll, sodass Eintritt nur für Träger entsprechender ID's möglich wird. Sie lebt mit ihrem Vater im Daheisha Camp.
Weitere Schlaglichter? Ahmad, der liebenswerteste Sonnenstrahl den die Welt seit langem sah, hat trotz Krankenhaus-Rezept keine Permit bekommen, um mit uns endlich Jerusalem zu bereisen. Es scheint seit längerem vollkommen unmöglich, irgendwie rüber zu kommen, in die nach internationalem Recht palästinensische Hauptstadt insha-allah. Sogar Christenfreunde, früher immer bevorzugt, verzweifeln und wollen schon seit langen „mal wieder richtig einkaufen gehen“. Wir haben eine Familie kennen gelernt, deren Haus zu nah an der willkürlich gebauten Mauer stünde, weshalb es, nachdem sie Flüchtlinge von '48 waren und alles über Nacht verlassen mussten, radikal mit israelischen Bulldozern abgerast wurde. Mit Hilfe von internationalen NGO's konnte die 9-köpfige Familie es wieder aufbauen, auf ihrem rechtmässigen Grund und Boden. 2 Wochen vor Einzug wurde es wieder zerstört – die Familie lebt seitdem bei der Grossmutter, alle in einem Raum. Und dennoch sprechen sie von Frieden...
Mit meinem Grossvater in meiner Familie habe ich über seine Vertreibung von '48 aus Ramla gesprochen – verworrene Erinnerungen eines alten Mannes, wie sie ziellos wanderten von Hebron nach Jericho nach Jabbal Doha nach Beitlahem, ohne jemals sich der „Unwürde“ eines UNO-Hilflagers hinzugeben.
Der Kopf schwirrt mir, an manchen Tagen. Aber bitte, bleibt unbesorgt, die Israelischen Streitkräfte sorgen in der Westbank schon durch totale Abriegelungen für ein taffes Korsett.
Neulich, um 1 Uhr nachts, war ich am Peace Center. Beim alten Besatzungsgefängnis, seit den Osloer Verträgen Kulturzentrum und palästinensische Polizeistation, fuhren 8 furchtbar dröhnende stählerne Käfer mit abstrusen Antennen und Gittern an uns vorbei, als ich mit den Polizisten Kaffee trank. Israelische Soldaten, im Autonomiegebiet. Und die nationale Exekutive des Nicht-existenten arabischen Staates saß da, mit ihren Waffen, und konnte nichts tun. Nur den Kopf senkten sie, und sagten, jetzt würde wieder jemand abgeholt werden. Gewalt kennt keine Rechtfertigungen, aber viele Erklärungen.

Ich verabschiede mich zu dem heutigen Einblick in die Westbank-Geschehnisse. Meine Damen und Herren, gute Nacht und viel Glück. Bethlehem, 15. März 2010.