So ist es ja immer mit der Zeit. Man meint, sie nicht zu haben, und doch verbringt man jede Sekunde mit einer Beschäftigung. Sie verrinnt zwischen den Fingern hinweg und hinterlässt uns mit Erinnerungen und neuen Erfahrungen und lässt Dinge enden, ehe man sie beginnen sah; die Zeit ist aber launisch, und so wird sie ein ander Mal zum Kerkermeister, spannt uns auf die Folter, zieht sich und offenbart uns durch ihre unerbittliche, unantastbar erhabene Gleichmässigkeit unsere gesamte Nichtigkeit als Randnotiz im großen Werk der Seinsgeschichte.
Und es war auch bei mir dasselbe. Dieses Mal, diese Zeit. Von einer Beschäftigung zur nächsten hastend, von Thailand nach Lippstadt, von Umzugskisten packen zu letzten Kochabenden entrichten hangelte ich mich durch die erste okkupationslose Zeit meines Lebens. Das Abitur in der Tasche, mit voller Wahlfreiheit losgelassen auf die Welt, bewaffnete ich mich mit meine Träumen und Fertigkeiten, um ein weiteres Abenteuer zu erleben. Um noch ein bisschen zu leben. Um einen weiterem zivilisatorischen Wunder, einem anderen Kulturblock den Schleier des Unbekannten zu entreissen.
Es sollte das Arabische sein, soviel war mir bewusst. Bereits letztes Jahr, also zu braven Schülerzeiten, suchte ich beinah vergeblich nach Projekten und Freiwilligendiensten im Nahen Osten, um, der Verzweiflung nahe, von meiner Mutter durch eine simple Zeitungsannonce auf das neue UNESCO-Projekt „kulturweit“ aufmerksam gemacht zu werden. Und da bin ich jetzt, einer von 200 Pionieren, die nach mühsamen Bewerbungswegen und bei mir elendlichen Visums- und Zusagenwirrwarren am Beginn ihres Dienstes im Auftrag des Auswärtigen Amtes und der Deutschen UNESCO-Komission stehen, im Namen der Kultur und Bildung.
Meine Wunschdestination konnte ich klar formulieren und schien dem PAD (Pädagogischer Austauschdienst der Kultusministerkonferenz der Länder) auch in meinem Können geeignet, um das atemberaubend spannend anmutende Projekt eines Musikförderprogramms (Einsatzbereich: Klavierlehrer und Chorarbeit) in der Talitha Kumi-Schule in Beit Jala (4km von Bethlehem entfernt, damit an der Sperrmauer und auf palästinensischem Autonomiegebiet) annehmen zu dürfen.
Die Talitha Kumi („Mädchen steh' auf“, nach einem Vers der Bibel) ist eine Schule, die prinzipiell allen Kindern der Region offen steht. Sie beherbergt Kindergarten, Grundschule und Gymnasium und betreibt noch eine Herberge und ein Internat. Es besuchen sowohl arabische Christen als auch Muslime die Institution, und es wird des weiteren ein deutscher Sprachzweig mit Diplom angeboten. In Deutschland ist die Schule in evangelischen Kirchen recht bekannt, weil sie von den evangelischen Kirchen Unterstützung und Gelder erhält und Gruppen der Schule wohl oft an Kirchentagen teilnehmen (z.B. der Chor oder die Tanzgruppe mit ihren traditionellen palästinensischen Tänzen).
Dies sind also die einleitenden Worte. Recht formal, aber meine derzeitige Wissenslage grob umreissend, mögen sie als Einstieg zu den kommenden Sammelsurien an Eindrücken, Buchstabenkombinationen, Piktogrammen und Gedankenströmen dienen.
Und bald geht es los, bald schon ist wieder etwas Zeit verronnen. Bald stehen meine Füße auf dem Gelobten Land, riechen den Staub und schmecken die fremde Luft. Was ich wohl denken werde, wenn ich mit dem Jeep das erste Mal durch die Straßen der Stadt fahre. Was ich wohl fühlen werde, wenn ich das westliche Tel Aviv verlasse und durch Check-Points hindurch in eine neue Welt eintauche. Und wie sich die Klänge wohl in meinen Ohren entfalten, neue Bahnen in meinen Geist graben und sich mit allen Sinneseindrücken zusammen zu dem ersten, sicherlich verzerrten und unverständigen Blick auf dieses Land, auf Palästina, verbinden.
Eines aber habe ich seit Thailand nicht verlernt – Erwartungen und Voreinstellungen stehen diesem Einatmen des Neuen als unumschiffbarer Brocken im Wege, und sie sind, sobald sie im Dschungel unserer eigenen Psyche entlarvt wurden, über Bord zu werfen. Ohne Pardon, ohne Rettungsring.
Und somit hoffe ich -unbefangen- lediglich auf Freude.
Denn bald,
denn bald...
TINO
Wir warten auch gespannt auf deine berichte, und hoffen, du hast freude daran, sie oft zu schreiben. :)
AntwortenLöschen-t-
supi, jetzt funzts!!!
AntwortenLöschenwie gut, dass alles so vernetzt ist, wie gut, dass ich geschaut habe, wie gut, dass es weitergeht!
AntwortenLöschenglück auf
hinaus in die welt, mein freund.
AntwortenLöschenMerci, Charlotterie -- und Lisa, ich hoffe, du kommst bald nach :P Wenn auch woanders...
AntwortenLöschenCharlotterie, haben wir eingeltich telefoniren können, so wie es mein Plan war, bevor ich flog? Was MACHST du denn gerade??
n'oublie pas ton projet de raconter Berlin... bibis
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