Sonntag, 30. Mai 2010

Solche Ereignisse

Es sind solche Ereignisse, die mich erzählen machen, dass hier in der Westbank so eine rastlose, ungesunde Atmosphäre herrsche. Es sind solche Ereignisse, die mich hier so viel über den Menschen und das Gute in ihm nachdenken lassen, und sie sind es, die mich am Ende solcher Diskussionen mit mir selbst ziemlich verloren und dumm dastehen lassen, mich mit meinem lieblichen Glauben an Platons Ideenwelt der Ideale. Wenn so was passiert, dann fühle ich mich hier unwohl, dann denke ich über Umziehen nach. Solche Ereignisse wie gerade eben.

Ich bin aus Beit Saqafa heimgekommen, einem ehemaligem arabischen Dorf, nun Landschaftsgarten, wo ich mit Adam gegrillt hatte. Ich habe eine ganze Menge gut gegrilltes, noch warmes Fleisch mitgebracht, weil ich weiss, dass es für meine Gastfamilie mit Grossformat recht teuer ist und immer jemand Hunger hat. Auf mein Klopfen kriegen ich einen dummen Witz übers Arsch-putzen entgegengerufen, mein Gastvater liegt auf der Couch. Ich gebe meiner Mutter, die wieder Kopfschmerzen hat (kein wunder, wer nur 2 Tassen Tee am Tag trinkt. Es ist mittlerweile 30 Grad heiß), das Fleisch, was selbstredend kein Danke aus meinem Vater herauslockt, sondern erstmal darüber parolieren lässt, dass das sicher dreckiges Schweinefleisch ist. Ich übergehe es, eine Nettigkeit auf meine Geste zurück habe ich nicht erwartet. Das kurze Lächeln meiner Mutter genügt.
Mein großer Bruder Ahmar, seit seinem Gefängnisaufenthalt arbeitslos, beklagt sich wieder darüber, seine Hoffnung, ich als Ausländer könne ihm Arbeit besorgen will nicht erlöschen. Als ich gefragt werde, mit wem ich gegrillt habe, und ich Avi nenne, meint mein Vater, das sei ein Jude. Ich sage ihm, dass er halb-halb ist, aber alle anderen waren brav Araber. „Kus immo“, eine unfeine Bemerkung zu seiner Mutter, entfährt dem Mitte 40-jährigen, der seit Jahrzehnten ausser Arbeit und ein bisschen frommen Glauben wohl keine Freuden in seinem Leben hat. Ich sehe ihn ja, Tag für Tag um 3 zum Checkpoint gehend, abends müde ins Bett fallend. Zeit mit der Familie verbringen? Man hockt halt zuhause rum, Liebenswürdigkeiten scheinen sie kaum angelernt bekommen zu haben.
Das Gespräch der drei richtet sich auf den Gummibaum. Er lässt etwas trostlos seine paar Blätter hängen, in seiner Ecke stehend. Ok, ein bisschen mehr Sonne könnte er tatsächlich vertragen. Das bemerkt man Vater harsch, was der da solle, und dann auch noch das Heizgerät (zum Brot erhitzen, eine elektrische Spirale mit geflicktem Kabel) darunter. Seine blöde Frau, ob sie denn ein Hirn hätte, das da drunter zu machen. Sie sei das ja gar nicht, und sie habe nicht gedacht, dass es ihm was ausmacht. Ausserdem ist ja die Erde nass! Den habe er mitgebracht vor 20 Jahren, so alt ist der schon, als er noch in dem Restaurant gearbeitet hat. Mediativ schaltet sich der Sohn ein, so lange war das doch auch nicht, er erinnere sich, ihn mit Ahmad reingetragen zu haben. Na, das ist ja nun die Höhe! So eine Lüge! „Damals, als..“ und das Geschrei nimmt seinen Lauf. Ich sitze recht fassungslos dabei und schüttele innerlich 10x den Kopf. Ist das wichtig? Ob er nun aus dem Restaurant ist oder nicht, und meine Mutter hat ja schon zu anfang gemeint, sie könnten ihn ja ans Fenster stellen. Mittlerweile wird gefaucht, sehr grobe Wörter benutzt (Kasahb, Lügner, ist ein solches im Islam), Anschuldigungen ausgetauscht. Lauthals und stark gestikulierend werden die Risse im Plastikeimer, der als Topf dient, nachempfunden. In Mitten all dessen steht mein Vater energisch auf, reisst das Heizgerät von der Steckdose und zerammt das Metallgehäuse. Mit beängstigender Kraft, alles begleitet von Gefauche, zerbiegt er die Heizstäbe, meine Mutter ruft um Einhalt, und der Mann geht nach getanem Akt ins Nebenzimmer. Ahmar sammelt die Reste des Gebrauchsgegestandes vom Boden und versucht es, für seinen bescheidenen Haushalt, den er seit seiner Heirat letztes Jahr führt, zurecht zu biegen. Meine Mutter raschelt und räumt böse murmelnd an der Couch herum. Ich sitze da und frage mich nicht mehr, wie die 7 Kinder dieser Eltern jemals solches Handeln hinterfragen werden können. Ich denke an den kleinen Mahadi und die draussen mit ihrer Cousine Seilspringen (mit einem alten Telefonkabel) spielende Isra. Untereinander ist der Umgangston kein anderer.
Und ich frage mich nicht mehr allzu sehr, wie sie jemals um einen gerechten Frieden für beide Seiten kämpfen können, und wie sie nicht ihre Frauen schlagen können und wie sie sich konstruktiv aus ihrer Armut arbeiten können.
Ich sitze hier und fühle mich ziemlich schlecht im Angesicht all dieser Menschlichkeit.

Samstag, 29. Mai 2010

Sandkörner












Da sitze ich auf einem schwarzen Ledersofa in Beit Safafa, in Ostjerusalem. A3dam schläft noch, seine Freunde haben uns vor einigen Stunden verlassen. Wir haben gekocht und ich konnte einen neuen Teil einer Gesellschaft kennen lernen, die mir noch so fremd ist. Bei A3dam treffen Unmöglichkeiten zusammen, wie Avi, dessen Mutter Jüdin, der Vater jedoch Moslem ist – nach jüdischem Gesetz ist die Religion der Mutter ausschlaggebend, bei Moslems gilt das strikte Patriarchat. Wie geht so was, wenn man aus der Westbank kommt und dort sein vergangenes Jahr verbracht hat. Mit allem, was man gehört hat. Mit all dem Hass, der Unkenntnis, der Ablehnung per se; und doch, Hoffnung schimmere, wir waren eine arabisch-jüdische Abendgesellschaft.


Im Hintergrund läuft WDR Klassik, ja, ein Stilbruch in der arabischen Welt. Oder nicht? Was ist Intergration anderes als Verknüpfung, gespeist durch die Erkenntnis, dass „Kultur“ ein ständig brodelnder Kochtopf aus Elternhaus, sozialer Schicht, eigener Wertebildung (ist Ratio frei?) und persönlichen Erfahrungen sind. Und ich glaube, bei mir ist die Hoffnung auf eine klare deutsche Eintopfbrühe schon lange vergangen...


Ganz unvorbereitet hau ich in die Tasten. Ein bisschen Sand vom Wegesrand ausstreuen, sozusagen. Es bleibt noch eine klitze kleine Woche Schule, danach hat sich mein Lehrerdasein aufs Erste in ein weiteres verstaubendes Kapitel meines Lebens verwandelt. Einige Kinderlachen und über/unter/mittelmotivierte Schulbankdrücker werden zum letzen Mal meinen Pfad kreuzen.

Wie viel habe ich gelernt!Gut lehren heisst Bedürfnisse herausfinden, wie es eigentlich auch für jeden „guten“ zwischenmenschlichen Kontakt gilt. Sie zu treffen, dabei immer den Blick auf die Uhr, die Gedanken beim Lehrbuch und die Aufmerksamkeit bei sich zu behalten, das sind Magien, deren Duft ich nur schnuppern konnte. Und wie geht man damit um, wenn der Chef dem unerklärlichen Willen nachgeht, einem den Arbeitsalltag zu erschweren? Und wie sehr nehme ich mich im Internat zurück, um den Tagesmüttern nicht unwohl zu werden, mit den Mädchen aber dennoch ein gutes Verhältnis zu haben? Klavierpädagogik erdenken musste ich, Arbeiten machen, für dich ich mir anfangs zu schade vorkam. Ich musste lernen, mit Inkompetenz zurecht zu kommen und Besserung anzustreben, ohne auf Füße zu treten. Ein Schuljahr. Diesmal hinter den Kulissen.


Das kopflose Ungetüm Talitha Kumi kennt für seine Volontäre jedoch keine Sommerferien. Das Sommercamp beginnt, kurz nachdem wir unseren Direktor in die Heimat und in den Ruhestand entlassen, ruhe er in Frieden. Ich werde mich davor doch noch etwas aussetzen müssen, was mir sehr schwierig erscheint – auf dem Grund und Boden, wo sich von meiner Seite der Mauer aus gesehen Geschichte wiederholt, muss ich all das liegen lassen und mich auf ein anders Leid einlassen. Nächstes Wochenende veranstaltet das Beit Ruthenberg in Haifa ein Seminar zur Shoa, mit Überlebenden. Augen auf und durch!


Wir hatten gestern kein Wasser zu Hause. Das Leben in meiner Familie wird für mich immer belastender, die gewaltvolle, aggressive Atmosphäre betrübt meinen Sinn. Mein Opa redet immer mehr wirres, gemeines Zeug und schimpft ohne Unterlass. Viel über mich, weil er sich wohl furchtbar langweilt (ausser den Schafen und dem täglichen Moscheegang füllt sein Leben nicht viel aus) und die gesamte Familie mit ihrem niedrigen Bildungsstandard und dem Kontakt zu lediglich einer Gesellschaftsschicht, nämlich dem Familienclan, keine geeigneteren Umgangsformen gelernt hat als zu schreien, Schuhe zu schmeissen und die Kinder rum zu kommandieren. Wie viel Liebe bleibt bei 7 Kindern und dem täglichen Himalaya an Arbeiten für eine Mutter wie meine Gastmutter übrig? Und wie viel Geduld darf man sich von Menschen erwarten, bei denen Konzentration in einem so schlechten Schulsystem nie ernsthafte Herausforderung oder Förderung kennen gelernt hat?

Kein Wasser zu haben ist schlecht. Kein Wasser zu haben ist wirklich ziemlich blöde. Womit macht man den Tee, wie putzt man sich den Morgengeschmack aus dem Munde, wie wäscht man sich die Hände nach dem Essen (mit Händen)? Wir hatten aber zum Glück noch Wasser bei den Schafen, was man zumindest zum Waschen nehmen konnten. Das diese kostbare Ressource einen intergralen Bestandteil des Konfliktes darstellt, wird mir derzeit erfahrbar. Mir wurde gesagt, unter Bethlehem gäbe es einen Süsswasservorrat, der über 8 Quellen an die Oberfläche tritt. Davon werden 7 von den Siedlungen und der israelischen Besatzung verwaltet. Eine Stadt in andauerndem Mangelzustand.

Ansonsten lese ich mehr, auf Weimar bereite ich mich durch Goethes „Werther“ vor und bin tief erschüttert auf den letzten Seiten, sodass ich es häppchenweise lesen muss. Viele Dinge müssten vorbereitet werden, so zum Beispiel unsere Landheimreise über Syrien und Türkei. Ich schreibe Briefe, sollte Unizweitoptionen anbahnen und stehe somit mit einem Zeh schon wieder in Deutschland. Und wenn ich erst mal dort bin, ist das hier alles ganz weit weg. Nicht in meinem Kopf, nicht gar so schnell. Aber es lässt nicht lange auf sich warten und ich kann nicht einfach schnell auf einen Kaffee zu Ahmad in seinen Laden oder in die Stadt am Nabel der Welt (Jerusalem). Dann spreche ich kein Arabisch mehr und lebe in einem traumhaften Haus, in dem es mehr als eine zerbeulte Pfanne und Kakerlaken als Küche gibt. Gnadenvolle Lebenszeit, wo bringst du mich alles hin?




Sonntag, 16. Mai 2010

Segel setzen - Ägypten im April

Nil, Nil, Nil, fleuve impétueux et tumultueux, tu es comme notre reine la source de la vie!
(Astérix et Obélix : mission Cléopâtre, le narrateur.)

Der Nil hat Charakter. Er ist nicht nur eine Wanne voll Wasser, und auch keine Lahn in Großformat. Ich meine, nachvollziehen zu können, was Smetana dazu bewegte, der Moldau eine Stimme aus Tasten und Saiten zu geben und Heine, Wörter zum Rhein zu dichten.

Ich hatte meinen kleinen Rucksack gepackt, um der Einladung Alains, dem Freund aus Frankreich, den ich schon in Jordanien und im Sinai traf, zu folgen. Jener Rucksack, mitsamt jedem Centimeter meines Körpers, erhielt zwar am Flughafen 2 stündige Sonderbegutachtungen, die mir Gänge, Korridore und Aufzüge des Ben-Gurion-Airports Tel Aviv offenbarte, die der normale, nicht in der PA lebende Reisende wohl nicht zu Gesicht bekommt, doch bepackt mit Sicherheitsbehältern gelangte ich letzlich doch ins Reich des Hibiskusblütensafts, der nasenlosen Hochkultur im Wüstensand vergangener Zeiten und des Bakshish's.

Die Arabische Welt = eine Sprache, die -abgesehen von den regional enormen, bis zur Unverständlichkeit führenden Unterschieden- eine beeindruckende Weltregion von Afrika bis Asien verbindet ; eine Religion, die alle Formen und Grade der Auslegung und Hingabe kennt; und eben ein Überbegriff, der übersehen lässt, wie einschneidend gewaltig die kulturellen Differenzen, geschichtlichen Pfade und landschaftlichen Gegebenheiten sich im Spektrum des Menschengeschaffenen sich „hier“ streuen..
>>Mit Ägypten verbindet Palästina Grenzen. [Die bei Gaza derzeit zugemauert werden, aber ist eine andere Geschichte, die den Traum vom Panarabismus ganz schön schlecht dastehen lässt...]. Und doch liegt eine Welt dazwischen, wie sich Nubien so afrikanisch anfühlt, der Umgang, das Gesprochene, das Bauen und Handwerk erkennen lassen und mich am Ende glücklich darin versichert, dass es in der Region noch vieles zu entdecken gibt!

Ich war ab 1:30 morgens in Al-Qahera, Kairo. Schmuddelig, angreifend, anstrengend fand ichs. Von einem Kaffeehaus zum anderen, von Einladung zu Einladung wandernd, verbrachte ich meine angebrochene Nacht, sah Lebensumstände in Familienhäusern, die Bangkoks Wellblechviertel alle Ehre machten und konnte interessante Gespräche in der wunderschönen islamischen Altstadt geniessen. Und dennoch – der Eindruck, dass trotz aller Freundlichkeit und der beständigen Überzeugung der Ägypter, ich selbst sei Palästinenser (man stellt ja die Frage, „woher man gekommen sei“, was ich eben mit Falestin beantwortete. Die sprachlichen Fehler wurden vom generellen Unterschied unserer „Arabisch's“ verschluckt) am Ende das Geld doch am meisten zählte, war unschön und leider fortwährend. Ein Land, in dem ein scheinbar riesiger, unterbezahltes Polizisten- und Beamtenheer eine Kultur der Korruption unter dem Mantel des „Bakshish“ (kleine Trinkgelder für so ziemlich alles) errichtet zu haben scheint, mischt sich mit der allgemeinen arabischen Tendenz, Kontakte zweckorientiert zu knüpfen und zu pflegen (all dies sind subjektive Beobachtungen und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit). Kairo ist schnell, versmogt und spannend. Das Ägyptische Museum ist Sitz unschätzbarer Artefakte, pharaonischer Goldschätze (z.B. Tutenchamuns Maske und Grabesinhalt) und Statuen aller Epochen des Altägyptischen Reiches, die sich dich an dicht zwängen und auf die Eröffnung des neuen deutlich größeren Museumskomplexes bei Gizeh warten. Ich habe hier Stunden zugebracht, und ich habe es geliebt! Was ich noch erlebt habe geht meist auf die Kappe von Ui, die ein Jahr hier gelebt hat und mir zum Geburtstag einen Eintags-Reiseplan mit Klopausen zu den Mysterien dieser 20-Millionen-Stadt afertigte.

Zu viel dazu.
In Oberägypten, was sich nach der Fließrichtung des Nild natürlich im Süden befindet, enteckte ich Trommeln. Schwarze Haut und krauses Haar. Nubisch als fremdartige Sprache und das Wasser des Nils als Grundvoraussetzung des Ägyptens, wie wir es kennen. Mit Alain, Galal (Kapitän und Vater der bezaubernden Familie, in der wir zu Anfang blieben) und Ashraf machten wir uns auf der Felouka auf in den Wind. 4 Tage Frieden, keine Zeitbeschränkung denn der Sonne und in totaler Abhängigkeit von Wind und Nil, so sah ich Assuan und die Elephantine-Inseln, die Tempel von Edfu und Luxor. Fischerboote stacken im Sonnenaufgang vor den Dörfern aus Lehmziegeln und das einfach Landleben des Isaan (Thailand) schien nicht weit weg. Bewässerungssysteme auf Felderinseln, Shisha-rauchen mit Farmern bis in die Nacht, ich hatte kostbare Erfahrungen unter der großen Sonnenscheibe alter ägyptischer Wurzeln, einem so bedeutsamen Ast am Baum der Menschheit.

In Luxor endlich, Ziel unserer Segelreise, entdeckte ich in unserer Unterkunft 'Marsam', Oasenanlage am Rande des fruchtbaren Überschwemmungsstreifens, eine Perle der Gastfreundschaft und des Miteinander spannender Leute mit den verschiedensten Hintergründen. Künstler und Archäologenexpeditionen, österreichische Wassermystiker und junge Globetrotter verbringen hier Tage oder Monate, und keine Nacht verging, die wir nicht durchquatscht und gefeiert hätten.

Wirklich Pause vom palästinensisch-israelischen Konflikt gab es jedoch auch hier nicht. Obwohl direkt neben an, scheinen Ägypter weit weg von der Problematik ihrer arabischen Brüder zu sein. Anders als Jordanien, selbst halb palästinensisch, wissen Ägypter wenig über die Wirklichkeit der Besatzung. Die Reaktionen reichten von Mitleid („Oh, wie ihr bloss im Krieg leben könnt? Habt ihr Schulen?“) bis Angst. Ich musste mich auch Anfeindungen aussetzen, haben die Palästinenser doch auch nach 60 Jahren nicht geschafft, Frieden zu schliessen oder die Juden zu vertreiben. Das Land, zerissen zwischen Stadt- und Landbevölkerung, Korruption und Armut bestimmter Landesteile hat es wohl satt, sich mit der benachbarten aussenpolitischen Brisanz zu beschäftigen. Und doch ist das Dreh- und Angelpunkt der gesamten Entscheidungen in der Region.
Der Friedensvertrag mit Israel, solch eine Kuriosität, halt die Ägypter nicht davon ab, am Kairoer Flughafen die Flüge nach Tel Aviv zu „verstecken“, sie nicht auf den Tafeln anzuzeigen, nicht auszurufen und die Passagiere irgendwo am hintersten Rollfeld einsteigen zu lassen. Und so, letztendlich, nach einer weiteren Odyssee von zwölfstündigem Zugfahren mit zerschlagen Fenstern, redefreudigen Arabern und gackernden Hühner, verpasstem Flug (die zeitintensiven Sicherheitschecks von El-Al liessen mich nicht durch), Flughafennacht und Uniformen, die in Tel Aviv auf mich warteten, kam ich zuhause an. Und ich fühlte mich ironischerweise so entspannt, sicher, zu Hause, als ich endlich den Checkpoint durchquert und hinter der Mauer stand.
Jesus – Anubis – Jesus, so das Pilgerverzeichnis dieser Reise.
























Sonntag, 9. Mai 2010

So oder so ähnlich...





















Lieber Herr Konsul,


ich möchte mich bei dir ganz herzlich, von Innigkeit, für die Party am Sonntag bedanken. Die Idee, alle (deutschen) Volos im Heiligen Land in diese angenehme Lounge in Tel Aviv einzuladen, war super! Ein nobler Zug von unserm Staat, wahrlich, war es, uns frei nach unserem Begehren die Nacht über durch zu füttern und zu ersäufen. Wir haben zwar nicht über die Strenge geschlagen, aber als wir auf der Bar anfingen zu Tanzen, fühlten wir uns schon wie die Könige aus 1001-Nacht. Keine muslimische Nacht wars, aber Juden trinken ja auch gerne Wein zu Shabbat.

Und wie hübsch sie alle aussahen! Ein wahrer Rollenwandel fand zu dieser glitzernden Party vom praktisch veranlagten Freiwilligenleben zum Botschaftsgast statt. Leilas Kleid schimmerte in seiner blauen Knappheit, und dass Kathy aus Beersheva ihre Pömps ausziehen musste, um dem schmalen Balken des Thresens ihr Tanzbein zu leihen, tat der erhobenen Ausgelassenheit keinen Abbruch.

Danke auch, dass du dir die Zeit genommen hast, dich mit mir über Aussenpolitik zu streiten. Ich denke, du wirst es mir verzeihen, dass wir in eine so kontrareiche Diskussion verfallen sind, und dass du deine Frau zuhause eine halbe Stunde lang hast warten lassen, werte ich als Zeichen, dass es dir auch Spass gemacht hat. Noch ein letztes Mal: Idealismus ist kein Mackel, sofern er natürlich nicht missionarisch wird! An was sollten die Leidenden und Unterdrückten dieser Welt denn sonst noch glauben, wenn nicht an die heilende Kraft der unabänderlichen Vernunft, dem Licht der Wahrheit, die im Grunde der Natur liegt. Ich schicke dir ein paar Bände Kant, die Botschaftsadresse steht ja im Internet.

Und ach, dass wir um 24 Uhr aufhören würden, nur weil die Einladung samt ideellen Samtschleifchen sich bis zu diesem Zeitpunkt ausdehnte, hast du jdoch nicht wahrlich geglaubt. Als sehr beglücktes Jungvolk vagabundierte die Gesellschaft noch durch einige Strassenzüge, wägte sich in der süßen Freiheit des selbstbestimmten Lebens und atmete zu guter Letzt zu unchristlichen Zeiten die salzige Luft des Mittelmeeres. Im Mondlichte nackt zu baden, dass war der Moment an dem der freuden- und anderer trunkene Geist sich ganz nah am Busen des Glücks fühlte...


Lieber Freund. Eintagsfliegenbekanntschaft. Dieses kleine Briefchen möchte ich gerne noch mit einer Klanguntermalung bestatten, und im Wirbelsturm der Medienmöglichkeiten soll es dir genügen, auf folgenden Link zu klicken.

"klick: (In neuem Fenster öffnen)"

Lehn dich dann zurück,

mach die Augen zu,

und denke über grüne Wiesen nach, über die die Brüder Löwenherz laufen.

Nach dieser kleinen Pause im Impulstakt des Alltages verabschiedet sich


dein Tino


[ansonsten: http://www.youtube.com/watch?v=kXy-L4GNE44&feature=related ]

Samstag, 1. Mai 2010

Bildspur - Osterzeit und Besuch meiner Eltern

>>Bei all den Lebensumständen, die ihr von mir erfahrt, all der Politik und dem menschlichen Mit/Gegen/Nebeneinander hier, wird es Zeit, euch einen Einblick in die Schönheit und historische Vielfalt des Winzlandes zu geben, in dem ich zur Zeit lebe. Ein bisschen touristische Show, ein paar Strassenszenen.
Vorhang auf:























Jerusalem. Yerushalayim. Die Heilige. --- Grafiti zu Ehren der Heimkehr von Mekka-Pilgerern, das Damaskustor im Morgenlicht (done by Sarah), Marias Grabsgrotte und Jesu Grab, "Nabel der Welt".








Nächtliche Szene von Yaffa auf Tel Aviv.

















Akko - Hafenstadt der Weltgeschichte. Die Kreuzfahrer machten hier ihre Hauptstadt, nachdem Jerusalem gefallen war. Die Perser überrannten sie und gründeten Schulen. Die Osmanen bauten die Al-Jazzar-Moschee und die Briten ein geschichtsträchtiges Gefängniss. Napoleon musste sieglos abziehen und bei alle dem ist die Altstadt bis heute arabisch...













"Der Herr ging über das Wasser.." -- See Genesareth





















Nablis/Westbank -- Gedenken an Arafat, Lichtgestalt der Palästinensiser. Kleine Kinder bekommen Grund-Konversation in English, Kaffeeverkäufer und Suqgassen...






























"Die Wüste blüht!" Frühlingsschauer im Wadi Rum, Jordanien