Heute war Freitag.
Freitag ist Frei.
Und sogar morgen, der sonst arbeitsreiche Samstag, an dem ich zu meiner großen Freude mittlerweile nachmittags nach der Schularbeit und den Klavierschülern an meinem ganz eigenen, ganz selbst aufgebauten Projekt einer Kunstwerkstatt mit den Internatsmädels für den Taltiha-Souvenirshop und somit für ihre Internatskasse für etwaige Ausflüge, arbeiten kann, ist frei.
Warum?
Das ist ein guter Witz. So empfinden es jedenfalls die Palästinenser, die sich ihren Humor trotz Intifadas, gebrochener Verträge und Mauern bewahren konnten. Morgen ist der palästinensische Unabhängigkeitstag, der den Tag markiert, an dem Arafat, der hochglorifiziert geliebte „Abu Ahmar“ (dessen Todestag letzte Woche war, weswegen es auch Feierlichkeiten und Gedichtlesungen an unserer Schule gab), die Osloer Verträge unterschrieb. Dass diese internationale Abkommen zur Zwei-Staaten-Lösung und zum geteilten Jerusalem nicht ganz so eingehalten wurden, wie sie es hätten können, sehe ich hier tagtäglich. Unser neugeborenes Familienmitglied Fatma und ihre Mutter, die Frau meines Gastbruders zum Beispiel kann nach seiner schweren Darmoperation stets nur von meinem Gastvater und theoretisch mir besucht werden, nicht mal der Vater kann seine Frau und sein erstes Kind in Jerusalem sehen – ohne Permit, kein Durchlass. Und wann bekommt man Permits? Sehr schwierig, wenn man wie wir so anrüchig zutiefst palästinensisch sind, nur arabisch spricht, nicht gerade reich ist, Moslem (O_o) und zudem einen Cousin hat, der mit 15 Steine warf und deswegen in israelischen Gefägnissen sitzt. Also, lieber Papa – wenigstens hast du dein Kind nie gesehen, falls es an den Komlikationen stirbt. Sei es auch nach 3 Monaten...
Aber genug von spitzen, einseitigen Bemerkungen. Ich muss gestehen, dass es mir nach meinem Seminar zum „Judentum und Kaballah“, bei dem ich äusserst … schwierige und deprimierende Erfahrungen mit Orthodoxen Juden und Israel-Freiwilligen machen musste, immer schwerer fällt, einen gewissen Zynismus zu verhehlen, aber darunter sollt ihr nicht leiden. Und keine Sorge, sobald es um Hitler, Gewalt oder Vorurteile geht bleibe ich meinen Idealen treu und vertrete sie. Obwohl sie nicht gerade offen aufgenommen wird, trägt doch jeder seine Geschichte mit sich rum. Auf beiden Seiten.
Interessant. Darum sollte es eigentlich gar nicht gehen, und doch stecken wir schon wieder Hals über Kopf, Komma über Punkt, im Nah-Ost-Konflikt.
Der Anstoss zu diesem aus dem Alltag gegriffenen Text sollte eigentlich etwas hoch erfreuliches sein – die Kultur. Das, was mir jeden Morgen wieder aufs neue die Nase darauf stossen lässt, dass wir durch und durch in Denk- und Handlungsweisen unwillkürlich durchdrungen sind von Sozialisation, von Prägung durch Gesellschaft, Elternhaus, Geschichtlichkeit. Das Religion, Geschichte, Gesellschaft sich bedingen und befruchten in einer Weise, die so schwer zu erahnen und zu durchschauen ist, weil sie sich eben an das richtet und uns in dem trifft, was in uns selbst unter der Oberfläche des Bewusstseins schlummert und sich als Programmierung wie Windows unserem Zugriff entzieht.
Es ist also Freitag.
Der Bestandteil „frei“ scheint meinen Gastopa, bei dem ich unten im Gästevorraum auf dem Sofa schlafe, nicht zu stören. Wie gewohnt springt um 6:15 die Türe auf und dieser im Kaftan gekleidete Mann mit dem gütigen Gesicht eines lebenserprobten Urgrossvater steht mit der Kanne heisser Milch mit leichtem arabischen Kaffesatz und zwei Gläsern in der Hand im Raum, lässt seiner tief-wohlig grummelnden Stimme ein „Morgen der Güte im Namen des Allbamherzigen“ entweichen und wartet sichtlich darauf, dass ich den kleinen Hocker, der mir zu Schlafenszeiten als Nachtischchen dient, leerräume. Ich packe wie immer meinen „Allah-uakbar“-Moscheewecker ins Bett und krieche über den kalten Fliessenboden zu ihm.
Warme Milch auf meiner Kehle. Schlürf.
Nach der obligatorischen Morgenandacht mit schönen Gesprächen, die mittlerweile fliessend arabisch funktionieren, widme ich mich wieder meiner Bettdecke, sie hat mich in den letzten Nächten der regen Ereignisse und der vielen Arbeit doch sehr missen müssen.
Kaum sind die Augen wieder zugefallen, bricht die Tür knatternd auf, und 3 Kinder stürmen herein. Die zwei kleineren Cousinen können meinen kleinen Bruder Mahdi davon abhalten, auf mir herum zu springen. Diese Art und Weise wiederholt sich während der kommenden 2 Stunden ungezählte Male, an Cousins und Geschwistern mangelt es mir ja hier nicht.
Gegen 10 werden die Hände gewaschen. Der Scheich steht in voller Montur vor mir, mit Hadsch-Überwurf und Kopftuch mit schwarzen Ringen. Ich werde mit Gebetskranz ausgestattet, und los geht’s zur Jamea al-Omar, zur Moschee gegenüber der Geburtskirche.
Spannend war das. Und nötig auch, konnte so doch mein Opa eine gute Tat tun, ich endlich mal ein muslimisches Gebet miterleben und der Mann, der sein gebrochenes Englisch so souverän und unverständlich schnell von sich gab, freute sich auch, ein neues Opfer seiner Missionierskunst gefunden zu haben. Das war das einzige, was an diesem Erlebnis nicht so schön war; aber mein Opa fand es wohl auch nicht so prickelnd, als der Mann uns dann bei ihm zhuhause von den vielen französischen Mädchen erzählte, die mit ihm gewohnt haben, alle Christinnen waren und nachher alle zum Islam übertraten. Ich liess es über mich ergehen und gedachte dem spannenden Unterschied zwischen dem geschlossenen Kreis von Anhängern im Judentum, so wie ich es am Seminar in Haifa mitbekommen hatte, in den aufgenommen zu werden sich als eine jahrelange, ungewisse Prozedur darstellte und dem missionsfreudigen Auftreten der frommen Jungscheichs. All das hat natürlich noch eine gewisse politische Brisanz, wenn gleichzeitig Busse voll Pilgertouristen vor der gegenüberliegenden Geburtskirche Jesu abgeladen werden, und man bedenkt, was für ein sich stetig vertiefender Graben von Aneinander-Vorbeileben bis konkreten Auseinandersetzungen sich zwischen Christen und Moslems auftut. Was das mit den Bussen zu tun hat? Auf der Welt deminiert zwar noch das Christentum, aber in Palästina und sogar in Bethlehem und Beit Jala werden die Gläubigen der Dreifaltigkeit eine rare Spezies – viele Christen sind wohlhabender und schaffen es, aus Palästina wegzuziehen; viel bedeutender ist aber ein anderer Grund, warum gerade Christen gegenüber Moslems immer distanzierter und vorurteilsbehafteter werden (als Gruppe definiert man sich ja vornehmlich, in dem man sich von anderen abhebt): Moslems sind überaus und ganz demographisch wirkunsvoll fruchtbarer. Wo Christen 4 Kinder haben, kriegen Muslima 10. Und die Flüchtlingscamps, wahre Geburtenfabriken, sind fast ausschliesslich islamisch.
Jetzt wurde ich schon wieder so allgemein. Dabei nahm ich mir fest vor, aus dem Nähkästchen und nicht der Änderungsschneiderei zu berichten, obwohl bei beiden der Faden des Öfteren ziemlich schief läuft. Das Visum steht auf der Kippe, meine Kamera ist zum displaylosen Random-Fotographierer geworden. Die ständigen Problemchen und das alltägliche Eigeschnapptsein von irgendjemanden aus unserer Freundesgruppe fängt an, mir doch zu denken, dass Europa zum Leben mit seiner hohen Rationalität und Gesprächsqualität (zumindest in den Kreisen, in denen ich mich aufhalten darf, danke dafür!!) doch nicht immer schlecht ist. Ein bisschen Heimweh also, oder so etwas in der Art.
Und was jetzt noch bleibt, ist meinen arabischen Minztee fertig zu schlürfen, meine Schwester wartet schon die ganze Zeit, für mich abzuräumen. Das wäre ein Blog für sich alleine – Männer- und Frauenwelten. Geschlechterverhältnisse. Mächteverhältnisse. Ich darf nichts abräumen, soviel muss klar sein. Und alle kleinen Geschwister müssen ständig alles für uns Größeren machen, Dinge holen, Sachen einkaufen etc.
Was bleibt heute Nacht noch zu sagen? Der Wind blässt gerade durch die Vorhänge vor den grüngestrichenen Fensterrahmen, und ich stelle mir vor, was für eine Reise er hinter sich gebracht hat. Wie die Zugvögel, die langsam ihren Weg aus dem kühlen Norden nach Afrika antreten.
Weltenweiten.
Photostorie: Ich sagte einst meinem Opa hier („Sido“ nenne ich ihn), dass ich gerne ein Photo von ihm machen möchte. Wegen des islamischen Bilderverbots muss man manchmal ein bisschen vorsichtig sein, besonders bei Frauen.
Auf diese Frage hin sagte er ganz stolz, er habe schon ein Photo, verschwindet in sein Zimmer, klimpert, klappert, und kommt nach 5 Minuten mit zwei Bilderrahmen hervor. Ein Photo zeigt ihn, schwarz weiss und im jordanischen Kopftuch, als Porträt. Auf einem weiteren, wohl aus den 70ern, ist er nur ganz klein in einer Menge zu sehen... Oh, na dann! Da brauchen wir ja gar kein Photo mehr zu machen, wenn er schon eines hat. Oder sogar zwei!
Das hat mich doch sehr beeindruckt. Hier hat keiner eine Kamera. Für meinen Opa war es also eine richtig tolle Sache, sich so wie hier zu sehen rauszuputzen und ablichten zu lassen. Gedenken wir mal wieder daran, was es für ein kleines Wunder ist, mit einem Klick die Welt in einem kleinen Kasten einzufangen und nicht mehr stundenlang auf Leinwände malen zu müssen.