Here I am. On the step to a new world.
...und das Adrenalin pocht noch in meinen Adern.
Ganz im Manier eines vielbeschäftigten, allseits connecteten Businessfliegers tippe ich diesen ersten Eintrag, der von meinen konkreten Erfahrungen als „kulturweit“-Freiwilliger handelt, auf einem Sitz des Fliegers El Al LY 352. Direkt am Flügel, direkt am Fenster. So kann ich gleich von Anfang an meine „neue Heimat“ begrüßen, wenn auch auf der anderen Seite der Mauer.
Ich fühle mich... etwas verängstigt, mir graut es vor der Einreis, aber das wiederum bekräftigt meine Freude auf den netten Araber, der mich vom Ben Gurion-Flughafen abholen soll. Warum aber zittere ich? Recht simpel zu beantworten, ich bin einfach noch nicht sonderlich routiniert in Sicherheitsbefragungen, in denen man einerseits nicht ganz so ehrlich ist, wie man es gerne wollte, andererseits aber auch von Anbeginn als Bösewicht betrachtet wird. Ein- und auspacken, Beweise erbringen, bloss nichts falsches sagen. „Do you have any email or something to proov that you sing in that choir?“ (wohlgemerkt die Kantorei in Herborn, die nur deshalb brisant für den 007-Verschnitt war, weil ich sagte, dass ich daher die Rendemeers Church of Jerusalem kennen gelernt habe, die wiederrum die Einladung geschickt hat, die erweisen soll, dass ich für ein Jahr Klavierlehrer in Jerusalem bin. Bloss den Mund halten, von wegen Westbank!), „What is that? Why do you want to learn Arab?“, „Don't you have any emailcontact to show me, between you and this Church in Jerusalem?“ (blöderweise hatte ich mir die Zeit nicht nehmen können, mich über diese Kirche im Vorhinein im Internet zu informieren...). Und dann auch noch der Supergau, das Auffinden der Bilder über die „Geschichte des Islams“, die ich mit der Workshop-Gruppe „Nah-Ost“ beim Kulturweitseminar in der Referatsgruppe gemalt hatte. Doch ein Extremist? Und dann trägt der auch noch ein Tuch um den Hals, auf seinem Passphoto!
All das bedeutete also Höchstanspannung, sich bloss nicht verplappern, bangen und in kleine Kämmerchen folgen für circa eine Stunde. Aber wie ihr gelesen habt, ich sitze im Flieger. Und der Atem ist ruhiger.
Gerade kam die erste Durchsage auf Hebräisch meines Lebens, und ach, es wird nicht die Letzte sein. Danach auf Englisch, dann auf Deutsch. Arabisch ist natürlich nicht dabei, obwohl wie viel Prozent der Bevölkerung des Gebietes, das Israel beansprucht, diese Sprache spricht? Das erinnert mich an die Botschaftsmitarbeiterin Isreals, die wir am Dienstag im Auswärtigen Amt getroffen haben...diese ganz besondere Erfahrung möchte ich aber in einem anderen Blog behandeln.
Nun geht es also erstmal ums Wegsein. Denn bevor ich dort „angekommen“ bin und mich als jemand fühle, der woanders lebt und mit Bewusstsein ist, werden sicherlich einige Monate vergehen. Fremde Sprache, fremde Umgangsformen, fremdes Geschlechterverständnis. Fremde Gerüche, fremde Gesichter, ein anderes „Ich“ dort. Da kennen wir ja.
Zumindest hat das krasse Erlebnis der Befragung und das permanent latente Misstrauen, dass ich jetzt noch verspüre, entgegengebracht zu bekommen, meine Sinne auf das geschärft, was mich erwartet. Eine sogenannte Krisenregion, ein Strich in der Landschaft geprägt von Anspannung, Existenzängsten und teils Hass. Wie ich mich darin wiederfinde, wie ich mich verhalte und in wie weit ich diplomatisch bleiben kann, wird sich zeigen, oder auch: werde ich bitter erproben müssen. Aller Anfang ist hart, aber das wird wohl der schwierigste meines bisherigen Lebens.
Wer wird mich gleich dort abholen? Werde ich in Tel Aviv erneut durchsucht? Wo werde ich heute abend schlafen, wie ist das mit den Checkpoints zwischen israelischem und palästinensischem Gebiet? Werde ich die Heilige Stadt Jerusalem, Angelpunkt so vieler Kriege und Ausgangspunkt eines immensen Teil der Weltkultur, schon heute vom Auto aus sehen? Ich glaube nämlich, alle Wege im Heiligen Land (ersatzweise soll dies künftig „Israel/Palästinensische Autonomiegebiete“ ersetzen) führen nach Jerusalem. Oder daran vorbei.
All diese Fragen spielen Roulette in meinem Kopf, mit nicht geringerem als die größten Kopfschmerzen als Gewinneinsatz.
Dass der Kopf brummt, liegt aber nicht nur an dem, was vor mir steht. Heute morgen um 6 Uhr aufgestanden, die Nacht davor etwa 4 Stunden geschlafen, und das gesamte Kulturweitseminar volle Power und Graue-Zellen-Einsatz gegeben.. Diskutiert, debattiert, gelacht (!), Freunde gefunden. Geschwommen und Yoga geübt, am See in Werbelinsee. 10 Tage lang.
Aber nicht nur Trübsal möcht' ich blasen – auch Vorfreude ist mit im Gepäck! Ich weiss um die sicherlich so freundschaftliche, warme Begegnung mit meiner Gastfamilie (irgendwann, heute Nacht bleibe ich -glaube ich- erstmal bei meinem Mentor B. Scheurenbrand), ich habe Kulturweit-Freunde in Ostjerusalem, ich werde eine herrliche Arbeit hier verrichten können und einiges erleben. Aber erstmal denke ich in kleinen Schritten. Stunde um Stunde.
Sobald ich die Zeit finde, werde ich eine große Freude daran finden, euch an meinen visuellen Eindrücken teilhaben zu lassen. Und dann kann mein Bruder mächtig stolz sein, dass der ein oder andere doch sein fabulöses Bilder-Programm bestaunt. Und in Bälde möchte ich mir noch ein paar Eindrücke von den Seminartagen von der Seele schreiben, denn hey, ich treffe nicht jeden Tag den Kulturleiter des Auswärtigen Amtes, den Staatssekretär, so viele Botschafter und den Leiter des Ägyptischen Museums. Und noch viel wichtiger ist – ich habe nicht immer die Chance, so viele wunderbare Menschen und nunmehr Freunde zu treffen, alle aufeinander. Auch wenn ich noch viel schmerzlicher an den Abschied von so manchen von euch denke. Adieu, wünscht mir Glück. Beim nächsten Mal rieche ich palästinensische Luft!
Tino
Donnerstag, 10. September 2009
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Danke für die berichte.
AntwortenLöschenWir erwarten sehnsüchtig weitere, wenn du zeit hast. :)
lieben gruß,
-t-a-t- ;)
Oh, wie schön ist es zu wissen, dass ich auf meinen Schritten hier ein Stück weit begleitet werde. Vielen Dank für euer Interesse, es ist ein schönes Gefühl, nicht allein dazustehen. Danke, Terry, danke Tarah! -TINO
AntwortenLöschenUnd jedem Anfang wohnt ein Zauber inne [...}
AntwortenLöschenIch wünsche Dir alles Gute und die stärksten --irrationalen??-- Zauber Palästinas.