Montag, 16. August 2010

ABSCHIEDE

(play in backgroung -rechtsklick-)


All your bags are packed,

are you ready to go?

This is the moment

we were waiting for.

Walla, the time went really fast away


Hardly did we realize,

that we ate so much bread and rice.

Habibi, there are only few words left to say:


Ref.: Fil diffa u Bethlehem (in der Westbank und Bethlehem)

Du warst immer sehr mohem. (wichtig)

Ich bin froh, dass du hier warst,

dieses Jahr

Und jetzt fliegst du

in den Lubnan (Libanon)

Ich hoffe, du kommst in Frieden an.

Ya achi, the time has come (Mein Bruder,...)


Anjad, es war nicht immer leicht (Wirklich,...)

trotzdem hast du mir

die Hand gereicht

Dieses Jahr hab ich viel von dir gelernt.


Die Araber, der Nah-Ost-Konflikt,

etwas mehr verstehen wir, wie die Welt hier tickt.

Doch von alldem sind wir bald schon wieder

ziemlich weit entfernt...


Thaer, Tareq und Ahmad im Shop,

unsere Freunde waren -yani- meistens top.

Die Arbeit in Talitha, c'était vachement fou.


Danken möchte ich dir auf diesem Weg,

auch wenn in diesen Zeilen einiges fehlt.

Und jetzt bekommst du auch endlich dein Bisou!


Ref.: Fil diffa u Bethlehem (in der Westbank und Bethlehem)

Du warst immer sehr mohem. (wichtig)

Ich bin froh, dass du hier warst,

dieses Jahr

Doch unsere Wege trennen sich jetzt,

so wie es kommen muss zu Letzt.

Ich freu' mich auf ein Wiedersehen



written by Sarah* , sung at Amman Queen Alia Airport. Herzflattern, danke dir *

Mittwoch, 11. August 2010

Rascheln im Laub

















In Ramallah steht ein schöner Garten, in dem man Kaffee oder Tee trinken kann.
Dort haben Sarah und ich uns wiedergefunden, als wir von unserem letzten Westbankabenteuer in Jenin zurückkehrten, was nun schon seit 3 Wochen zum Vergangenen zählt. In Ramallah liessen wir, erforderlich durch die Umstände des politischen Konflikts, in dem wir lebten, unser gesondertes Jordanienvisum ausstellen, und um in einem Nebensatz unsere herzzereissenden und tränenreichen Abschiedsszenen, Couchsurfer-Freuden und Gitarrenklänge in Amman abzuschnüren, attestiere ich hiermit einen herrlichen Verlauf unserer letzten gemeinsamen Reise.

In besagten Café mit Namen „La Vie“ stehen 4 Bäume. Ein Olivenbaum, mit knorkeliger Rinde; ein Granatapfelbaum, in voller schwerer Schwangerschaft mit prallen Früchten behangen. Ein Zirtonenbaum versprüht mit seinen dicken, saftigen Blättern immer eine angenehme Frische und zuletzt war dort ein Tuut-Baum, der allein schon deswegen so typisch für dieses Land ist, weil ich seine europäische Entsprechung nicht kenne. Jedenfalls pflanzt er sich durch kleine Beerenreben fort und spendet Schatten.

Ich bin nun schon aus dieser Natur raus. Raus aus meinem Umfeld, aus Talitha, aus der Westbank. Raus aus meinem UNESCO-Jahr. Ich sitze in dem bergigen Stadtteil Monsuria bei Beirut in der Wohnung einer neu gewonnenen Freundin, die ihre gesamte Haarpracht in einem einzigen dicken Dreadlock am Hinterkopf vereint und gerade an einer Theatermaske bastelt. Und da kommt mir der Duft der Granatäpfel zurück in die Nase und macht mich schmunzeln...

Olivenbäume werden alt wie Steine. So wie die unzähligen Steinkuppeln im Dächermeer der Städte am Geburtsort unserer Geschichte – der Olivenbaum trägt in seiner rauen Rinde so viele Furchen wie es das Heilige Land in seiner mindestens 4000 Jahren Geschichte als Spielfeld der Weltmächte seinen Bewohnern zugefügt hat. Ich bin durch diese Gassen gewandelt, ich habe Abenteuer erlebt und wohl des öfteren Blickwinkeln genossen, die die Olivenholz-Schnitzereien kaufenden Touristen aus aller Herren Länder missen mussten. Alles mit beiden Beinen auf der Erde, die das Interesse der gesamten Welt auf sich zieht.

Mein Jahr war nicht gerade ein leichter Happen für mich – Kompromisse im Arbeitsalltag einzugehen ist für einen selbstüberzeugten Tino eine Hürde. Ein komplizierter, fordernder, mit Intrigen aufgepeppter Talitha-Job mit all den Schülerstreichen war manchmal sauer wie die leckere Limon-Nana (Limonade mit Nana, Minze) meiner Gastmutter.
Die entscheidende Parallele zum Zitronenbaum im Garten „La vie“ möchte ich zu meinen bitteren Erfahrungen in Israel/Palästina ziehen. Erfahrungen, die tiefe Furchen in meinem Konzept des kühnen Menschengeschlechts hinterlassen haben – und meine trauende Skepsis zu euphorischen Rufen ueber "Weltfrieden" etwaiger Miss Universes mit einigen knallharten internationalen Verwicklungen untermauert haben. Ich habe im Garten “La Vie – Vue par Tino '09” Kontakte mit Gewalt, Tot, Hass und Ungerechtigkeit gemacht. Doch die Vitamine des Agrumsaftes sind wie die Energie, die Menschen egal wo durchströmt. Die Lebenslust. Es sind die selben Träume und Hoffnungen, Wünsche und Ansprüche, die man stellt. Trotz all der Depression in der Westbank, konnte ich erfahren, dass sich das Leben immer neue Wege bahnt und Triebe wachsen aus hohlen Ästen.

Öffnet man einen Granatapfel, sieht man ein Meer sanfter Kerne, hundertfach Samen für neues Leben. In den 3 Buch-Religionen gilt er deshalb als Sinnbild von Fruchtbarkeit und wird besonders von Juden als Wunschfrucht verschenkt, jeder Kern einen Traum symbolisierend.
So vielseitig wie die Innereien dieser wunderschönen Frucht waren die Welten, zwischen denen ich mich bewegte. Morgens von meiner Flüchtlingsfamilie zur Deutschen Schule, über Checkpoints in die Rainbow-City Tel Aviv. Von der fanatischen Spiritualität Jerusalems in die Kreise unserer lebensfrohen Pali-Freunde.
Fruchtbar sind Araber, dafür war meine Gastfamilie mit den 18 Kindern ein gutes Beispiel. Also kann ich mir beim Anblick des Granatbaumes die arabische Kultur mit all ihren Spektren einfallen. Eine Kultur, die ich leben durfte, konnte, musste.

Beim Tut-Baum kann ich gar nicht anders, als mir ein Schmunzeln zu genehmigen. Wie da plötzlich durch unser Wohnzimmerfenster im 2ten Stock eine kleine Hand voller gepflückter Tut-Beeren hereinschaut. „Tino, iss! Iss!“. Widerrede zwecklos, Mahadi, der mit den anderen im Baum vor unserer Türe herumklettert ist natürlich entschlossen, mich jede einzelne aus seiner Hand essen zu lassen. Das sind wahre Kinderfreuden, so wie Isra mit ihrem Telefonkabel als Sprungseil. Oder die Bastelkopien, die ich vom Sommercamp mitgebracht habe.
Familienleben also, soll dieser Baum für mich widerspiegeln. Beerdigungen mit ungesüßtem Kaffee, ich mit dem Spaten in der Hand. Schafemelken und lange Tage ohne Beschäftigung. Welch ein Leben ich hier führen durfte – welchen kosmischen Mächten ist zu danken?

...Seit wir von den Tischen in dem Garten aufgestanden sind, die Rechnung beglichen und Tassen mit Kaffeerändern hinter uns gelassen, hat Sarah und mich der Strom der Zeit weitergezogen, an weinenden Gesichtern und Reisen vorbei. Die letzten Schritte in Bethlehem wurden genossen, es wurde noch mal so richtig mit Leuten abgehangen. Abschiedsgeschenke habe ich gemalt und alle meine Schlüssel in Talitha abgegeben. Die Deutsche Botschaft wurde über unser Gehen informiert und Ahmad, ach mein lieber Ahmad, verschleppte den Abschiedsmoment von einem gemeinsamen Abend zum nächsten. Immer sollte es ein Adieu sein, doch das Wort möge er nicht. „Beshufak - Wir sehen uns“ sagte er mir am Bus zur Jordanischen Grenze. Ich habe einen wahren Freund gefunden – und ihn hinter mir gelassen.
Der Sog saugt un zieht. Sogar hier, in Budapest am Flughafen, auf halber Strecke zurück ins Land der Ordnungen und Fahrpläne, der grünen Bäume und der Liberalität. Von Jordanien und einer singenden Sarah am Flughafen hin nach Beirut, durch den Libanon, an Freigeistern, Weltklasse-Clubs und zerschossenen Kriegsruinen in der Innenstadt vorbei.
Hierher.
Und weiter.





Sonntag, 25. Juli 2010

The last Wedding
























Wir haben darüber immer als das Letzte gesprochen, das wir hier machen würden. Die Abschiedsfeier quasi, mit all unseren Freunden noch mal zusammen. Noch einmal das arabische Tanzbein bis spät in die Nachtstunden hinein schwingen, in einer beständigen Tonfolge ähnlicher Rythmen. Doch, so langsam erkenne ich die meisten der Hochzeitslieder wieder! Und auch fast alle Gäste! Nun, ich hatte ja genügen Zeit zum Kennenlernen. 1 Jahr.


Nun ist es vorbei. Einfach so, wie es kommt, weil es kommen muss – der Donnerstag rückte näher und verging, der Freitag war kaum angebrochen, schon kam die Nacht zum Sonntag. Und jetzt sitze ich hier, an meinem letzten Wochenende in Bethlehem und trinke Tee. Und wedel mit den Armen, in der Hoffnung, irgendetwas zu schnappen und ganz fest zu halten, so dass es mir das Wichtigste aus diesem Jahr erscheinen würde, in das ich alle meine Erinnerungen und Gefühle packen kann. Und mir dann einrede, dadurch würde auch dieses Kapitel meines Lebens nicht einfach umgeblättert werden, sondern als beständiger Untertitel mitschwingen.

Ahmads Bruder hat geheiratet. Die Lichterketten blinkend über den staubigen Vorhof zum Haus der Sayams, war die kleine hölzerne Tanzfläche von schwitzenden Männerkörpern bevölkert. Sarah erlebte ihre eigene, ganz andere Party, auf der anderen Seite des Hauses, von Planen vor unerwünschten Blicken geschützt. Mit den arabischen Frauen, alle viel zu knapp und viel zu blinkend herausgeputzt. Ach, was schreibe ich da – es kann nie genug sein! Sie mit Ahmads Mutter und Schwestern, ich mit Tareq, Lucas, Ahmad, Thaer... all die Gesichter! Ihre Henna-Party, unsere Sahara, kaum angefangen, war aber ebenso schnell vorbei, wie es jeden Tag die Doktrin der Uhrzeiger angibt. Nach dem Freitagsgebet wurde in großer Nachbars- und Bekanntenrunde Mansaf gegessen. Mein letztes palästinensisches Nationalgericht, das sich nach Geschmacksexplosionen in Energie und Ballast wandelt. Sa7ten. Guten Appetit.

Am Freitag Abend versuchte man gleich in 3-facher Weise eine Vetrautheit und einen Abschied zu würdigen, der doch ganz unspektakulär zum gewöhnlichen Wandel der Weltgeschickte gehört. Und wir gehen auch noch von einer schönen, sicheren, in wirklich entscheidenden Punkten unbeschwerten Erfahrung in die nächste angenehme.

Sophie hatte alle Volontäre zu sich in ihren Altstadthof eingeladen. Die Hochzeit von Mo3in (Ahmads Bruder) wurde von der Abi-Bravo!-Feier

meines Cousins A3lla gefolgt, bei meiner Gastfamilie.3 Party's, 3 Letzte Male.


Es nimmt also beständig seinen Lauf. Am Dienstag schlafe ich noch einmal, ein definitiv letztes Mal bei meiner Familie. Beim Scheich auf dem Sofa. Am Mittwoch wird der Jordan über die Allenby-Bridge überquert, die einzige für (Westbank-)Palästinenser von ihrer Heimat aus zu überquerende Grenze. Und dann.. ja dann. Beirut. Damaskus, wenn die Soldaten mich durchlassen? Irgendein Last-Mi

nute-Flug nach Europa. Und Endstation Herborn, Hessen, Deutschland.

Haltestelle? „Alle Passagiere werden gebeten,

umzusteigen“ - bis der Zug erneut abfährt.




Montag, 12. Juli 2010

Noch mehr Senf.















(zwischengedanken)


Das wird vielleicht der letzte politisch orientierte Blog aus der Westbank. Wenn ich in Beirut Zeit und Kopf finde, wird vielleicht nochmal eine Stimme der Beobachtung aus dem zerschossenen und konfessionell zerstrittenen Libanon dringen, über palestinensische Flüchtlinge ohne Bürgerrechte und jüngste Luftangriffe. Oder auch gar nicht.
Ich möchte mich heute zu einer eher unpopulären Darstellung des Nah-Ost-Konflikts aufschwingen, zu einer „Region“ (was heisst hier Land, was sind die Staaten hier?), die so viele Auslandskorrespondenten (pro Einwohner) ernährt wie sonst nirgends in der Welt. Es sind nur ein paar Gedanken zur Psyche der Bewohner des dauerhaften Sorgenkinds der Welt.
[Moment, Welt? Was juckt die Chinesen die Juden, wieviel schert sich Madagaskar um die 3. Intifada? Ok, Westliche Welt. Also wir, denn Weltpolitik wird bei uns gemacht.]

Wenn man hier ist, und von allen Seiten eingebläut bekommt, man lebe im Zentrum des Weltkonflikts schlechthin, kann man das einfach übernehmen. Es ist hier wahrlich nicht friedlich, wahrlich nicht schön für die meisten. Schwere Auseinandersetzungen, Gewalt, Ungerechtigkeiten.

In jeder Zeitung der westlichen Welt tauchen „wir“ hier doch mindestens einmal auf, und kaum wo anders wird sich soviel eingesetzt, und das so beständig. Obwohl es so hoffnungslos erscheint.

Es geht hier um Millionen jährlicher Entwicklungsgelder, Zollvergütungen und Projektinitiierungen von europäischer und besonders US-amerikanischer Seite.


Doch wie nehmen die Leute hier es selbst wahr, die seit 3 Generationen in beständiger Angst und Unfreiheit leben, auf beiden Seiten? Und dabei von der ganzen Welt ummuttert, angestossen, kritisiert und gefördert werden. Die halbe Welt ist in Jerusalem, und jede große humanitäre Organisation hat hier einen Sitz. Haben sie's satt, leben sie einfach ihr Leben, jammern sie rum?

Ich möchte im Folgenden mir anmaßen, die Bewohner dieser winzigen, und doch so verrückten Region zu kritisieren. Einfach mal sagen, was ich schon lange sagen will …


Israel-Palästina ist zu einem Ort geworden, an dem sich Strukturen wie betonierte Gräben so festgefahren haben, dass ein Hinterfragen davon für beide Gesellschaften viel zu gefährlich erscheinen mag. Wahrlich passiert es auch nicht oft.
Israelis sind Leute, die 50% ihrer Steuern in militärische Aufrüstung und Sicherheitsvorkehrungen einbezahlen, aus Angst vor jemanden, den sie mittlerweile größtenteils schon gar nicht mehr kennen. Wer in Tel Aviv kennt schon einen Palästinenser, und welcher Jude in Jerusalem würde schon mal ein Wort oder gar nur einen Blick mit dem Araber wechseln, der ihm jeden Tag in der Strasse begegnet. Parallelgesellschaften. Mauern in den Köpfen. Und sie setzen alles daran, dass diese Mauern auch auf Grund und Boden errichtet werden. Getrennte Schulen, getrennte Städte, getrennte Gesetze. Doch wie sehr verlassen sie sich auf Argumente, die ihnen erzählt werden, die sie aber gleichzeitig gar nicht mehr nachprüfen können? Oder es nicht wollen. Es jedenfalls nicht tun.


Wer von Aussen kommt, der wird Menschen begegnent, die zutiefst verletzt sind und das auch jedem direkt auf die Nase binden. Ob nun der palästinensische Souvenirhändler an der Bethlehemer Milchgrotte oder der jüdische Busfahrer in Haifa, das ist ganz egal. Und schnell hört man die selben Geschichten auf beiden Seiten, von Gewalt und Ermordungen und Angst und Hass. Und natürlich: Man sei im Zentrum der Welt, und die Welt trage Verantwortung für die hiesigen Geschehnisse.
Politik wird hier tagtäglich gemacht, mit jedem Pfurz von der Knesset und Ramallah. International, wie's die Zeitungen zu verstehen geben. Und wenn die Israelische Lobby (AIPAC) in den USA zum National Summit aufruft, folgen mehr als die Hälfte der amerikanischen Kongressabgeordneten und Hillary Clinton ist in ihrem Amt selbstverständliche Statistin.


Doch worum geht es in diesem Konflikt wirklich? Was ist daran so interessant für die Welt, warum ist es der Dauerbrenner globalen medialen Interesses?
Oder muss man überlegen: Warum ist es so wichtig für bestimmte Machtstrukturen, dass es ihn immer noch gibt? Jetzt mal echt, womit sollten Gauner wie die Hisbollah oder Ahmadinejad sonst heuchlerisch argumentieren, wenn die 4 Millionen palästinensischen Flüchtlinge plötzlich zurückkehren oder nachhaltig entschädigt werden würden?

Aber kein Grund zur Sorge, das wird ja so schnell nicht geschehen – eine Besonderheit in diesem Konflikt scheint nämlich auch, das keine Partei bereit ist, nur einen Grad von ihren Ansprüchen und Forderungen abzutreten und von den internationalen Mitakteuren darin auch noch bekräftigt oder zumindest geduldet wird. Die UNRWA z.B. ist die einzige UN-Flüchtlingsorganisation, die spezialisiert eine Flüchtlingsgruppe unterstützt, und das seit 62 Jahren. Das damit der Status Quo zementiert wird, liegt auf der Hand - „schaut her, das uns widerfahrene Unrecht ist kein normales, wir löffeln die Suppe aus, die uns eure jüdische Endlösung in Europa eingebrockt hat!“.

Ich wollte etwas loswerden, was man den nah-östlichen Größenwahn nennen könnte, den palästinensische Hang zur Selbstüberschätzung und das israelischen Grundnahrungsmittel, (metaphorisch gesprochen).

Natürlich sind sie der Nabel der Welt! We are the Holy Land, und es würde einem Israeli wie Palästinenser niemals einfallen, eine Sekunde daran zu zweifeln, das größte politische Problem des Globus' zu sein.
Denn Palästinenser leiden am meisten. – Vertreibung, Fremdbesatzung, Unterdrückung. Eine Rarität in dieser Blümchen-Welt? Ich erwarte keine schlagkräftige Antwort mehr auf meinen Hinweis auf Tibet, auf den Kongo, auf Armenien oder Darfur, wenn ich Diskussionen mit Flüchtlingen führe... wie auch, wissen sie wohl noch weniger darüber als ich.

Mehr als einmal in einem Jahr hier hört man den Satz „Für uns Israelis ist Politik wie für euch die Luft zum Atmen und das Wasser zum Trinken“. Hinter dieser poetischen Floskel verbirgt sich eine tief eingesessene psychologische Selbstzerstümmelung. Eine, auf der das gesamte nationale Selbstverständnis baut, das Jeden drei seiner besten Lebensjahre im Militär kostet und die eint, die so bunt und unfreundschaftlich sind, wie ein zusammengetrommelter Einwandererstaat es sein muss. „The American Dream“ auf hebräisch übersetzt wäre „The Israeli Adrenaline“.Das gibt dem jungen australischen Einwanderersurferjuden in Tel Aviv doch ein ganz besonderes Gefühl, wenn er weiss, dass hier in 60 Jahren diese weltoffene Traumstadt entstanden ist, und 30km der Feind hockt und weiter an Plänen zum jüdischen Massenmord schmiedet. Wahrscheinlich. Sagen die vom Militär.

Das gibt 'nen ganz besonderen Kick.
Wie sollte es anders sein? Kein anderes Thema hat so viele Doktorarbeiten und Analysen hervorgebracht, so viel Medienpräsenz und Schlagzeilen provoziert.


Die Palästinenser haben ein wirklich hartes Los und die Israelis begründete Überlebensangst – aber hinter der Fassade zeichnen sich nach über 60 Jahren Stillstand bis Verschlechterung auch andere Kulissen ab...


Szene 1 – ein Israelischer Staat, der einen gemeinsamen Feind braucht. Und zu sagen, das seien „die Araber“ -mitsamt Sprache und Lebensform(en)- ist deutlich simpler als „die palästinensische Mutter mit 5 Söhnen“ oder „der irakische Flüchtling in Amman“ und „der Iman in Kairo“. Alle hassen sie die Juden. Und wollen aktiv ihre Vernichtung.

Das soziale System in Israel ist weit von europäischen Standards entfernt, der Staat ist mit innenpolitischen Spannungen konfrontiert, muss Ultrareligiöse und linke Tel Aviver auseinander halten, Siedlungen erlauben und Russen Arbeitsplätze besorgen. Amerika und andere Staaten (nicht zuletzt die BRD) subventionieren mit Millionen; auch einen befriedeten Nahen Osten?

Wer nicht beim Militär war, hat später deutlich schlechtere Chancen im gesellschaftlichen Aufstieg, sagt man, und die letzten Minister waren doch alle bewanderte Militärs, oder? Also – ist es nicht doch manchmal ein bisschen ganz gut, vielleicht, und so, das mit dem Konflikt?

Szene 2 – der syrische Durchschnittsbauer ist 7x ärmer als der durchschnittliche Palästinenser. Doch bei ihm kommt keine UN oder EU-Nahrungsspende, vierteljährlich. Wenn in Nigeria Überschwemmungen drohen, wie viel bekommen wir davon in unseren Nachrichten mit und wie viel Sofortspenden können dafür aufgebracht werden? Aber was wäre bei einem utopischen Jordan-Flussüberlauf? Das gesamte Besatzungssystem wäre in Unordnung gebracht, und noch mehr Displaced People! Die westliche Welt wäre auf den Beinen; kein Problem, sind ja sowieso alle hier.

Es steht schlecht um das Palästinensische Volk – aber das immer auf den Staat Israel zu projizieren und durch Wehklagen Hass und Übertreibungen zu fördern, ist nicht produktiv. Und auch hier: eine PA-Behörde, die korrupt ist und eine Besatzung, die den Konservativen in die Hände spielt und alle äusseren Einflüsse abhält. Und einen ewigen Sündenbock zu haben – ist das nicht auch fein?

Es geht im Schlussakt meiner Inszenierung nicht ums Herunterspielen. Leidet ein Mensch, auch nur einer, so ist in der Welt was im Argen und es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Ihr kennt mein Mitgefühl, mein Entsetzen über die schrecklichen Dinge, die hier geschehen. Es ist ein Konfliktschauplatz, ekligerweise ein so komplizierter, tief verankerter, und ja, wichtiger. Zu jedem Satz dieses Kommentars gäbe es 5 weitere als Relativierung und „Aber!“'s einzufügen. Das würde ich selbst mit wedelnden Armen tun, wenn ich so was lesen würde.
Aber das musste mal raus. Dieses ewigliche Bedauern. Dieses behäbige Abtun auf israelischer Seite, „die Araber wollen ja keinen Frieden“ und darauf folgende Verdrehungen der Geschichte. Die „Hand-Auf“-Mentalität vieler Flüchtlinge in den Terretories. Das fortwährende Herumschleppen. Und die Übertreibungen. Wo ist der Wille? Der Biss? Das Nachfragen? Sie scheinen so „fed up“, voll. Keiner mag es ihnen verübeln, ich hätte kein Recht dazu. Bin ich etwa bei den Intifadas dabei gewesen? Höre ich etwa in Deutschland, wenn ich meinen Fernseher anmache, nichts anderes als tägliche Todes- und Ungerechtigkeitsmeldungen von der jeweils anderen Seite?


Yalla, spuckt in die Hände, mag man aber jungen Leuten sagen – ein linker israelischer Aktivist hat mir erzählt, er gehe nun nicht mehr nach Beit Jala zu den Anti-Mauer-Demo's, wenn da die Beit Jalis selbst nicht hingehen. „Ich mach doch nicht deren Arbeit“ - aber Sanktionen, das Familienleben, dieser und jene Ausweg, vielleicht doch Auswandern? Was genau hält die Völker ab, aufzustehen und Strukturen zu verändern. Mal ein bisschen weniger voreingenommen, mit etwas mehr Vergebung und offenem Hinterfragen.


Klingt doch irgendwo vertraut, so ein Weiterreichen von Verantwortung, nicht wahr, Deutsche? Und über den Rauch, der da den Ettersberg bei Weimar aus dem Buchenwald heraufsteigt, darüber mach ich mir noch Gedanken. Erstmal den Sauerbraten fertig machen...


Sonntag, 4. Juli 2010

Apropos Weltcup













Die Fahnen stoben durch die Luft, der Aljazeera-Kommentator schreit das Service Radio in Stücke, ruft "Gooooooal! Goaaaal! Almania, die Torschiessermaschinen"; jedes Kaffee füllt sich binnen Sekunden, wenn das beginnt, was alle Nationen eint - auch die, die gar nicht mit Mannschaften vertreten sind, ein globales Superfest!

Und apropos Weltcup - Südafrika? Apardheit? Dieser Begriff kommt im Jargon des Friedensprozesses immer wieder im Bezug auf unsere Mauer auf. Ein paar Bilder, die mir unter die Finger gerieten ...
























Tage mit Leila -












































Hebron. Stadt im Ausnahmezustand (UN-Aussage)








"Nicht weiter" - Strassensperre



jüdische Siedlung mitten in der Altstadt















Palestine - Israel. Never ending story.
















Geburtskirchenlicht.
























Gastkaffee



Photos sind gefrorene Augenblicke. Blicke von Augen. Und wenn diese Augen auf das gleiche blicken, aber unterschiedliches als Neu und Interessant empfinden, dann kommt die Verwunderung und das Entzücken heraus, das mich ergreift, mir Leilas Bilder anzusehen. Durch ihre Linse kann ich euch das zeigen, was für mich schon zu normal wurde, um es noch zu photographieren.
<< Wir haben sehr feine Tage verbracht, mit einem Wok und einer eigenen Wohnung, mit historischen Stadtrundgängen, auf denen mir klar wurde, wie sehr ich die verwinkelten Gassen der verrücktesten Stadt Jerusalem vermissen werde. In Hebron wurde demonstriert, während in Tel Aviv zur gleichen Zeit mein guter Freund Abud noch immer auf eine Antwort der Botschaft wartet. Meine Gastfamilie geht durch harte Zeiten, so wie Milliarden andere Menschen, die sich keinen weiteren Wassercontainer und gleichzeitig das tägliche Brot leisten können. Und die arabischen Süßigkeiten im Kreuzgang der Geburtskirche werden in meinem Leben auf Konkurrenz warten müssen, es sei denn es gibt vergleichbare friedvolle Ort mit soviel Gaumenfreude und bethlehemer Heimatcharme...
Also, ein paar Bilder zum Gedanken-Reisen:

Samstag, 26. Juni 2010

Been here, done that









Ich sitze hier zwischen einer Horde Instrumente tragender Kinder und Vorerwachsenen. Einige Franzosen, einige Palästinenser versuchen in die tonale Menge von Geklimper und mehr oder weniger professionellen Geigenstimmen Ordnung zu bringen. Das Hier lässt sich mit einer rot-gelb gestreiften Couch aus Bambus beschreiben, solche wie sie vor den mit orientalischen Mustern geschmückten Kacheltischen im Eingangsbereich unseres Gästehauses stehen. Die Frühstücksgästehausarbeit ist getan – und beim Schreiben dieses Wortes erinnere ich mich unwillkürlich an die Information aus den Heften des Deutschen Verbandes Deutscher Sprache, die ungeachtet monatlich neu in unseren Schulkorridoren ausliegen - „im Duden hat ein Durchschnittswort 11 Buchstaben“.


Ich habe lange nicht geschrieben – im vergeblichen Warten auf die Muse habe ich mich nun einfach hingesetzt, um ein bisschen zu palavern. Darüber, wie sich mein Leben hier im letzten Monat noch einmal komplett geändert hat, wie ich Freiheit und Abwechslung geniesse, Konzerte besuche, Human-Rights-Watch anschreibe und mich im nah-östlichen Paragraphendschungel von verfeindeten Ländern hoffnungslos verirre.

„Es fing alles an...“ vor rund 3 Wochen. Die Schule war zu Ende, und mit diesem elementaren Wandel in meiner Alltagsplanung kam auch der totale Umbruch – ich bin umgezogen. Von einer selbstgebastelten Couch mit ca. 5 cm dicker Stoffmatraze, deren Stoffhülle durch die Kaffeeflecken und andere jahrelange Verschmutzungen ein indischen Muster in Pink erahnen lässt, zu einem Doppelbett. Von 25 arabischen Flüchtlingen zu einer deutschen Lehrerin. Von einer regelrechten Müllhalde, teils von wellblechbewohnenden Schafen und Wachteln verziert zu einem Garten mit Dattelpalme. Von einem Schlauch in der Wand zu einer Badewanne, und der Clou des Ganzen – die Steinplatte mit von Zucker und Essensrückständen klebenden Plastikbehältern fürs Allerlei wurde nun durch eine vollausgestatte Küche ausgetauscht, deren Grundfläche den Zimmern der Eltern, Mahadis und der Mädchen in einem entspricht.

Einige Beiträge zuvor mögen indiziert haben, dass das Leben durch meinen beständig nörgelnden und schimpfenden Gastgroßvater, die Atmosphäre harter Bandagen und grober Worte und die nach 10 Monaten meinen Tatdrang hemmende Einschränkungen in Umgang und Freiheit in meiner Gastfamilie, so sehr ich sie liebe und dankbar sein muss und bin, recht schwierig wurde. Oder eher gesagt, denn schwierig war es von Anfang an für mich, wurde der Wunsch in mir größer zum Ende meines Jahres noch einmal Freiheit und Selbstständigkeit zu geniessen, um Freunde einzuladen, mich auf Projekte vorbereiten zu können und einfach mal ein Buch in die Hand nehmen zu können. Ob ihr's glaubt oder nicht, wenn man sich bei Al Rafatis auf die Treppe in den Sonnenschein setzt, sind spätestens nach 2 gelesenen Sätzen mindestens 5 Kinder um einen herum, die einen annähernd jede Möglichkeit nehmen, seiner Tätigkeit des Entweichens in eine andere Welt der Druckerschwärze weiter nachzugehen. Mein Leben in Palästina eben. Bisher.

Eleonore, deutsche Lehrerin an Talitha Kumi, und durch Theater- und Kletter-AG sowie den täglichen freundschaftlichen Umgang eine liebgewonnene Freundin in diesem Land, hatte mich bei meiner Wohnungssuche zu sich eingeladen. Sie wolle nach Deutschland über die Ferien, und die Katzen wollen versorgt sein. Der Haupantrieb wird aber wohl ihre enorme Güte sein – was hatte ich für wundervolle 2 Wochen, die ich mit ihr teilen konnte in der Wohnung. Schöne (!) Gespräche am Abendessen, Gelächter über Anekdoten und viel Freude Schöne Harmonie.. endlich.


Mittlerweile bin ich täglich bis 13 Uhr mit Kinderkünstlern beschäftigt – im Sommercamp betreiben wir Volontäre eine Kunstwerkstatt, machen Sport und Musik. Palästinensische Organisationsweise und nicht der größte Elan von vielen Seiten her machen dieses Camp, wie es in den besetzten Gebieten von allen größeren Organisationen (UN, NGO's..) und Privatschulen angeboten wird (es soll hierbei nur das Wort „Bewegungseinschränkung“ und damit der Groschen fallen), zu einer netten, aber nicht zur Herzensaktionen. Kleine Arbeiten fallen an, 2 Tage land spielten wir Schneemännder und strichen uns selbst und die Schulkorridore an. Ordner sortieren, Gäste beim Essen bewirten. Mashi al 7al, der Sommerjob gönnt Zeit.

Zeit. Hatten wir nun zu wenig, um uns genügend und wehrhaft auf den Krieg der Diplomaten vorzubereiten, der sich hier als ewiges Ausspielen zwischen den verfeindeten Ländern Syrien, Libanon und Israel / Besetzte Gebiete abspielt. Aber was soll ich mich da beschweren? Am meisten leiden die Palästinenser selbst drunter, weil die weder von Israel toleriert noch mit Freiheit bedacht werden, noch von ihren „arabischen Brüdern“ (über den Trugschluss, den dieser Begriff in sich trägt , hatte ich schon geschrieben) in den angrenzenden Ländern willkommen werden. Im syrischen Diplomatenjargon gibt es kein Israel, selbstverständlich. Doch wer sich des Verdachts sündig macht, jemals einen Fuss auf „Besetztes Palästina“ gesetzt zu haben (sei es auch in der Westbank, um „den Palästinensern zu helfen“), wird Damaskus nicht riechen und sehen dürfen.

Das war ja ja auch klar. Zwei Pässe haben Sarah und ich, wenn auch für Sarah nur durch einige Umwege über Amman erreicht. Dann stellt sich die Frage, woher man den Einreisestempel für Jordanien bekommt, nachdem man mit dem einen Pass eingereist ist – auch das war vorhersehbar, und es gab einige Möglichkeiten, an diese Bescheinigung ran zu kommen. Glücklicherweise haben wir auch einen Freund in der jordanischen Botschaft in Tel Aviv.

Aber soll ich nun wirklich ausholen und den ganzen Rest erzählen, von den Umständen, die selbst ich bald nicht mehr verstehe?

Grob gesagt scheint am Ende eines langen Prozesses von Botschaftsemails, Anrufen, Rückfragen zu den vielen geheimen, mehr oder weniger legalen Möglichkeiten die geplante Rückreise über Syrien und den Libanon nicht mehr möglich. Seit Kürzerem muss bei jeglicher Einreise nach Syrien das Visum im Vorhinein besorgt sein, und ist nicht an den Grenzübergängen erhältlich. Ausgenommen davon scheinen allerdings Australier.

Das Visum ist nicht in der nächsten syrischen Botschaft (für uns Amman) zu erbitten, sondern im Heimatland des Passes. Für Sarah also Berlin, für mich Paris. Sarahs Pass ist mit „Amman“ als Ausstellungsort verziert. Wir können unsere Pässe nicht von hier zu den Botschaften schicken, da natürlich der Poststempel uns verraten würde. Die Deutsche Botschaft Amman erkärt es zudem als unmöglich, Sarah's Pass, der immer noch bei ihnen verweilt, per Diplomatenpost nach Berlin zu schicken und dann weiter an die Botschaft. Alles andere bräuchte zu viel Zeit. Und wie haben wir blanke Pässe, sind aber für Syrien offiziell in Jordanien? Die Visagebühren, je nach Nationalität des Antragstellers unterschiedlicher Höhe, werden von den Botschaften einbehalten, auch wenn das Visum abgelehnt wird.Der Libanon ist seit dem Krieg (2006) auf Öffnung zu Touristen angewiesen. Ein Flug von Amman nach Beirut würde meine Spuren verwischen, und offiziell (solange nicht die Flugdaten überprüft würden) könnte ich aus Frankreich angeflogen sein. Mein CO2-Konto lässt mir dann aber keine Ruhe mehr...

Doch mit wem? Sarah würde im Falle, dass wir nicht in die Gunst der Ausnahmefälle and er syrischen Grenze kommen, nicht nach Beirut mitkommen. Nehmt es als offenen Hilferuf auf, wenn ich Ende Juli bis Mitte August das Reisefieber verspürt – ich werde da sein! ;)


Nun – und sonst passieren noch einige Dinge, von denen ich hier nicht gerne schreiben möchte. Es geht um Gefägnisstrafen für arme Bekannte, um Verfolgung und Folterung von palästinensischen Freunden und um einige Gerüchte bezüglich der Ghaza-Schiffe. Ja, das ist das Band, das sich zwischen uns spannt – die Nachrichten, die euch nun überfluten, sind hier Alltag, stetiger Gesprächsstoff. Jeder kennt jeden, und mindestens einen der entweder da ums Leben kam, hier auf einem Schiff der Flottilas war, LKW-Fahrer für die Hilfsgüter oder selbst israelischer Wehrdienstleistender am Ghaza-Streifen ist. Als Abschlussinformation streue ich nun noch etwas korinthisches Exkrement ein und sage euch, das „Gaza“ eigentlich „Raza“ ausgesprochen wird. „Gh“ ist in arabischer Umschrift das französischen Kehlen-Rrr. Top, hm?


Ich lebe also. Die letzten Atemzüge eines erfüllten Lebens in Bethlehem City, Liebschaft meines FSJ's. Heimstatt meiner Freunde. Nun noch ein Findschan arabischen Kaffee und zum Gesangs-Workshops der Barenboim-Stiftung, die wie zu Anfang erwähnt derzeit ein Camp in Talitha macht.

Der Bogen ist geschlossen, ich verabschiedet.


Mein neues Domizil - soviel Glück ist ungerecht.

















Shoa-Seminar in Haifa. Der Angst gestellt, sich mit der anderen Tragik beschäftigt. Und ja, auch wunderbare Menschen genossen...

Dienstag, 8. Juni 2010

Bild - Nachtrag








Unsere Volontärs-Verabschiedung bei der Morning-Devotion

Montag, 7. Juni 2010

Der Vorhang fällt -



Zur Zeit ist jeder Moment ganz intensiv. Da ist was, dass die Tage in eine anrührende Weihe taucht. Mein Unterbewusstsein? Die Vorahnung dessen, was kommen wird – und das wird ein Fehlen sein. Das werde Ich an wieder an einem ganz anderem Ort der Welt sein. Sind es die Schatten, die das Missen schlägt, die, die ich jetzt noch gar nicht nachvollziehen kann?

Wie werde ich denn die anstrengenden, unmotivierten 7er vermissen? Und das ewige Wiederkauen von Do-Re-Mi bei Ramsi, der einfach nie übt. Ja, mit der blinden Lara komme ich zwar immer weiter voran, aber ohne ihren Dickkopf kann ich auch gut leben. Cliquende Boarding-Mädels und lange Arbeitstage ohne Ruh'. Doch! ein Kapitel geht seinem Ende zu, und lässt die letzten Zeilen verlauten. ..Es wird noch lange hallen, schwant mir.


Montag morgen, die Volontäre treffen sich zu unchristlicher Stunde. Schon um 7:15, mault Felix.

Schnell noch Kopien machen, auf dem Weg Miss Nidal grüßen. Eines der letzten Male dass ich das mache? Die Antwort liegt auf der Hand.

Es ist Morgenandacht, und die Volontäre vom Jahrgang 2009/2010 verabschieden sich von der Schülerschaft. Von unseren Tobewichten, den 7 Sorgen, den Nervensägen und den bildermalenden 2.-Klässlerinnen mit Zöpfchen. Wir sprechen, wir bedanken uns und jeder sagt in einem Satz auf Deutsch und Arabisch, was ihm das Jahr gewürzt hat. „There is a famous group in Germany which found quite good words for what we want to say..“ – gemeinsam singen wir „Wir hatten eine gute Zeit“ von den Wise Guys, im Hintergrund laufen Bilder von uns und dem Jahr ab. Die Schüler sind ungewohnt still, finde ich. Vielleicht ist es aber auch die Art Watte, in die ich mich gepackt fühle.

[ http://www.youtube.com/watch?v=41Ni4-6aGxA (hört auf den Text)]


Diese eine Schulwoche. Der letzte Montag morgen an Talitha Kumi School.

Die Schüler kommen zu ihrer letzten Klavierstunde. Einer hat das Buch geschafft, ganz durch!

Kinder laufen mit großen Augen zu mir in der Pause, wie die vergangenen 9 Monate auch – sie fragen nach den Pausenspielen und offenbar verstehen sie nicht, dass Tino nach den Ferien nicht mehr da sein wird. Und wenn es dann soweit ist, werden sie auch nicht merken, dass er nicht mehr da ist.

Die Sonne scheint auf uns, wo wie wir mit Schülern auf den Bänken die Freistunde geniessen. Amanda und Juliana reden, wir essen Pflaumen und lachen.

Die letzten Volontärssitzungen, in denen man keinen vernünftigen Satz aneinander reihen kann, alle Nase lang einer wieder Blödsinn macht; man vor lauter Lachen vergisst, sauer zu sein, weil man „schon wieder“ nichts gescheites auf die Beine kriegt. „Leute, jetzt konzentriert euch doch mal!“, und Felix schaltet mitten in einer Abstimmung einfach mal Disco-Mucke an... ach, ihr Pappnasen! Es wird einfach weiter gehen ohne sie. Unser Team. Unser Jahr.


Das Jahrbuch ist bald fertig. „Unser Baby“, sagt Miss Nidal immer. Sie ist in der Schulleitung und eine wirklich sehr interessante Araberin, sehr gebildet und mit konservativen, aber weltoffenen Einstellungen. Das Cover habe ich gemalt, und bald wird es 1000x gedruckt. „Inshallah“.

Die Vorbereitungen für das Sommercamp laufen, Sarah und ich planen unseren Kunst-Workshop, wir besorgen und informieren und stecken trotzdem noch „nebenbei“ im Schulalltag.


Ich bin umgezogen, was definitiv mehr Beschreibung benötigt. Ich muss da einige Gedanken für mich sortieren, denn der Abschied aus meiner Gastfamilie war emotionaler, als ich es von ihnen erwartet hätte. Die Gründe möchte ich noch mal zusammenfassen und den Ausblick auf meine letzten 2 Monate geniessen; ja, das werde ich hoffentlich bald machen können. Auf jeden Fall aber lebe ich nun an der Grenze zwischen Beit Jala (wo sich auch Talitha befindet) und Bethlehem, marikiert durch eine Strassenkreuzung. Von einem Füllhorn ins andere rutschend bin ich nun bei der gütigen, guten Elli untergekommen, einer deutschen Lehrerin, über die ich euch noch einige amüsante Sachen erzählen mag. Ich geniesse jetzt also einen Fussboden, auf dem ich barfuss laufen kann; eine Küche, die aus mehr als Kakerlaken und einer Steinplatte besteht und mich als Mann nicht vom Herd verbannt. Hier gibt es ein Bad, das nicht immer voller Schafsdreck ist, sogar mit Klospülung! Ich kann hier Musik hören und auf der Veranda sitzen. Ein bisschen Leichtes möchte ich mir jetzt erlauben. Genuss, in den letzten Wochen. Und vor allem Freiheit, denn wir wollen noch viel unternehmen und vorallem viel mit unseren Freunden 'abhängen'. Eine elementare Freude, der ich bei meinem Sidi (dem Sheih) nicht ohne schlechtem Gewissen nach gehen kann...


Der schwere Rote Samt legt sich auf die Bühne meiner Gefühle. Applaus gibt’s später, aber der Abgang beginnt...



















gegenüber

es ist keine Überraschung
doch es wurde erwartet
es ist ein Defekt mit dem wir geboren sind.

wir halten andere fern
wir schützen uns mit Mauern
statt unterschiedlich zu denken und
Leute zu umarmen,
nur weil wir Angst haben.

wir kämpfen mit anderen
wir hassen sie und teilen sie in Gruppen.

warum kommen wir nicht mit?
warum akzeptieren wir sie nicht?

ein Traum, ein Wort, eine Stimme und
ein Schritt, sind alles was wir
brauchen um eine neue Welt zu bilden

mit hass wurden wir geboren
aber auch mit liebe.

während er sich wundert wer
und du dich wunderst wie

sie wundert sich wann und ich mich
warum

wer macht einen Unterschied?

Schrei! Weine! Ich bin neben dir
miteinander können wir unsere Schmerzen
beweinen.

Frag mich und ich antworte dir,
aber bilde keine Mauer zwischen uns,
es macht mehr kaputt, als dass es gut macht.

es geht nicht darum dass wir nicht können
sondern dass wir es nicht wollen

wir wissen was richtig ist aber
machen es falsch

brecht ab die Mauer!
wir müssen etwas tun – nicht andere
heute - nicht morgen.



Die Autorin Amanda Manasra ist 15 Jahre alt und besucht gegenwärtig die elfte Klasse in Talitha kumi. Sie lebt mit ihrer älteren Schwester, ihrem Vater und ihrer Stiefmutter im Deheishe-Flüchtlingscamp in Bethlehem. Obgleich Muslima, bezeichnet sie sich selbst als Punk. Sie möchte nach dem Tawjihi Politische Wissenschaften studieren.

Stolze Gewinnerin einer Leibzig-Reise für 2 beim Lyrik-Wettbewerb des Goethe-Instituts in Ramallah unter dem Titel „GegenÜber ← “. Sie wollte mich mitnehmen, weil ich mit ihr daran gearbeitet habe. Ach, Amanda!

Sonntag, 30. Mai 2010

Solche Ereignisse

Es sind solche Ereignisse, die mich erzählen machen, dass hier in der Westbank so eine rastlose, ungesunde Atmosphäre herrsche. Es sind solche Ereignisse, die mich hier so viel über den Menschen und das Gute in ihm nachdenken lassen, und sie sind es, die mich am Ende solcher Diskussionen mit mir selbst ziemlich verloren und dumm dastehen lassen, mich mit meinem lieblichen Glauben an Platons Ideenwelt der Ideale. Wenn so was passiert, dann fühle ich mich hier unwohl, dann denke ich über Umziehen nach. Solche Ereignisse wie gerade eben.

Ich bin aus Beit Saqafa heimgekommen, einem ehemaligem arabischen Dorf, nun Landschaftsgarten, wo ich mit Adam gegrillt hatte. Ich habe eine ganze Menge gut gegrilltes, noch warmes Fleisch mitgebracht, weil ich weiss, dass es für meine Gastfamilie mit Grossformat recht teuer ist und immer jemand Hunger hat. Auf mein Klopfen kriegen ich einen dummen Witz übers Arsch-putzen entgegengerufen, mein Gastvater liegt auf der Couch. Ich gebe meiner Mutter, die wieder Kopfschmerzen hat (kein wunder, wer nur 2 Tassen Tee am Tag trinkt. Es ist mittlerweile 30 Grad heiß), das Fleisch, was selbstredend kein Danke aus meinem Vater herauslockt, sondern erstmal darüber parolieren lässt, dass das sicher dreckiges Schweinefleisch ist. Ich übergehe es, eine Nettigkeit auf meine Geste zurück habe ich nicht erwartet. Das kurze Lächeln meiner Mutter genügt.
Mein großer Bruder Ahmar, seit seinem Gefängnisaufenthalt arbeitslos, beklagt sich wieder darüber, seine Hoffnung, ich als Ausländer könne ihm Arbeit besorgen will nicht erlöschen. Als ich gefragt werde, mit wem ich gegrillt habe, und ich Avi nenne, meint mein Vater, das sei ein Jude. Ich sage ihm, dass er halb-halb ist, aber alle anderen waren brav Araber. „Kus immo“, eine unfeine Bemerkung zu seiner Mutter, entfährt dem Mitte 40-jährigen, der seit Jahrzehnten ausser Arbeit und ein bisschen frommen Glauben wohl keine Freuden in seinem Leben hat. Ich sehe ihn ja, Tag für Tag um 3 zum Checkpoint gehend, abends müde ins Bett fallend. Zeit mit der Familie verbringen? Man hockt halt zuhause rum, Liebenswürdigkeiten scheinen sie kaum angelernt bekommen zu haben.
Das Gespräch der drei richtet sich auf den Gummibaum. Er lässt etwas trostlos seine paar Blätter hängen, in seiner Ecke stehend. Ok, ein bisschen mehr Sonne könnte er tatsächlich vertragen. Das bemerkt man Vater harsch, was der da solle, und dann auch noch das Heizgerät (zum Brot erhitzen, eine elektrische Spirale mit geflicktem Kabel) darunter. Seine blöde Frau, ob sie denn ein Hirn hätte, das da drunter zu machen. Sie sei das ja gar nicht, und sie habe nicht gedacht, dass es ihm was ausmacht. Ausserdem ist ja die Erde nass! Den habe er mitgebracht vor 20 Jahren, so alt ist der schon, als er noch in dem Restaurant gearbeitet hat. Mediativ schaltet sich der Sohn ein, so lange war das doch auch nicht, er erinnere sich, ihn mit Ahmad reingetragen zu haben. Na, das ist ja nun die Höhe! So eine Lüge! „Damals, als..“ und das Geschrei nimmt seinen Lauf. Ich sitze recht fassungslos dabei und schüttele innerlich 10x den Kopf. Ist das wichtig? Ob er nun aus dem Restaurant ist oder nicht, und meine Mutter hat ja schon zu anfang gemeint, sie könnten ihn ja ans Fenster stellen. Mittlerweile wird gefaucht, sehr grobe Wörter benutzt (Kasahb, Lügner, ist ein solches im Islam), Anschuldigungen ausgetauscht. Lauthals und stark gestikulierend werden die Risse im Plastikeimer, der als Topf dient, nachempfunden. In Mitten all dessen steht mein Vater energisch auf, reisst das Heizgerät von der Steckdose und zerammt das Metallgehäuse. Mit beängstigender Kraft, alles begleitet von Gefauche, zerbiegt er die Heizstäbe, meine Mutter ruft um Einhalt, und der Mann geht nach getanem Akt ins Nebenzimmer. Ahmar sammelt die Reste des Gebrauchsgegestandes vom Boden und versucht es, für seinen bescheidenen Haushalt, den er seit seiner Heirat letztes Jahr führt, zurecht zu biegen. Meine Mutter raschelt und räumt böse murmelnd an der Couch herum. Ich sitze da und frage mich nicht mehr, wie die 7 Kinder dieser Eltern jemals solches Handeln hinterfragen werden können. Ich denke an den kleinen Mahadi und die draussen mit ihrer Cousine Seilspringen (mit einem alten Telefonkabel) spielende Isra. Untereinander ist der Umgangston kein anderer.
Und ich frage mich nicht mehr allzu sehr, wie sie jemals um einen gerechten Frieden für beide Seiten kämpfen können, und wie sie nicht ihre Frauen schlagen können und wie sie sich konstruktiv aus ihrer Armut arbeiten können.
Ich sitze hier und fühle mich ziemlich schlecht im Angesicht all dieser Menschlichkeit.

Samstag, 29. Mai 2010

Sandkörner












Da sitze ich auf einem schwarzen Ledersofa in Beit Safafa, in Ostjerusalem. A3dam schläft noch, seine Freunde haben uns vor einigen Stunden verlassen. Wir haben gekocht und ich konnte einen neuen Teil einer Gesellschaft kennen lernen, die mir noch so fremd ist. Bei A3dam treffen Unmöglichkeiten zusammen, wie Avi, dessen Mutter Jüdin, der Vater jedoch Moslem ist – nach jüdischem Gesetz ist die Religion der Mutter ausschlaggebend, bei Moslems gilt das strikte Patriarchat. Wie geht so was, wenn man aus der Westbank kommt und dort sein vergangenes Jahr verbracht hat. Mit allem, was man gehört hat. Mit all dem Hass, der Unkenntnis, der Ablehnung per se; und doch, Hoffnung schimmere, wir waren eine arabisch-jüdische Abendgesellschaft.


Im Hintergrund läuft WDR Klassik, ja, ein Stilbruch in der arabischen Welt. Oder nicht? Was ist Intergration anderes als Verknüpfung, gespeist durch die Erkenntnis, dass „Kultur“ ein ständig brodelnder Kochtopf aus Elternhaus, sozialer Schicht, eigener Wertebildung (ist Ratio frei?) und persönlichen Erfahrungen sind. Und ich glaube, bei mir ist die Hoffnung auf eine klare deutsche Eintopfbrühe schon lange vergangen...


Ganz unvorbereitet hau ich in die Tasten. Ein bisschen Sand vom Wegesrand ausstreuen, sozusagen. Es bleibt noch eine klitze kleine Woche Schule, danach hat sich mein Lehrerdasein aufs Erste in ein weiteres verstaubendes Kapitel meines Lebens verwandelt. Einige Kinderlachen und über/unter/mittelmotivierte Schulbankdrücker werden zum letzen Mal meinen Pfad kreuzen.

Wie viel habe ich gelernt!Gut lehren heisst Bedürfnisse herausfinden, wie es eigentlich auch für jeden „guten“ zwischenmenschlichen Kontakt gilt. Sie zu treffen, dabei immer den Blick auf die Uhr, die Gedanken beim Lehrbuch und die Aufmerksamkeit bei sich zu behalten, das sind Magien, deren Duft ich nur schnuppern konnte. Und wie geht man damit um, wenn der Chef dem unerklärlichen Willen nachgeht, einem den Arbeitsalltag zu erschweren? Und wie sehr nehme ich mich im Internat zurück, um den Tagesmüttern nicht unwohl zu werden, mit den Mädchen aber dennoch ein gutes Verhältnis zu haben? Klavierpädagogik erdenken musste ich, Arbeiten machen, für dich ich mir anfangs zu schade vorkam. Ich musste lernen, mit Inkompetenz zurecht zu kommen und Besserung anzustreben, ohne auf Füße zu treten. Ein Schuljahr. Diesmal hinter den Kulissen.


Das kopflose Ungetüm Talitha Kumi kennt für seine Volontäre jedoch keine Sommerferien. Das Sommercamp beginnt, kurz nachdem wir unseren Direktor in die Heimat und in den Ruhestand entlassen, ruhe er in Frieden. Ich werde mich davor doch noch etwas aussetzen müssen, was mir sehr schwierig erscheint – auf dem Grund und Boden, wo sich von meiner Seite der Mauer aus gesehen Geschichte wiederholt, muss ich all das liegen lassen und mich auf ein anders Leid einlassen. Nächstes Wochenende veranstaltet das Beit Ruthenberg in Haifa ein Seminar zur Shoa, mit Überlebenden. Augen auf und durch!


Wir hatten gestern kein Wasser zu Hause. Das Leben in meiner Familie wird für mich immer belastender, die gewaltvolle, aggressive Atmosphäre betrübt meinen Sinn. Mein Opa redet immer mehr wirres, gemeines Zeug und schimpft ohne Unterlass. Viel über mich, weil er sich wohl furchtbar langweilt (ausser den Schafen und dem täglichen Moscheegang füllt sein Leben nicht viel aus) und die gesamte Familie mit ihrem niedrigen Bildungsstandard und dem Kontakt zu lediglich einer Gesellschaftsschicht, nämlich dem Familienclan, keine geeigneteren Umgangsformen gelernt hat als zu schreien, Schuhe zu schmeissen und die Kinder rum zu kommandieren. Wie viel Liebe bleibt bei 7 Kindern und dem täglichen Himalaya an Arbeiten für eine Mutter wie meine Gastmutter übrig? Und wie viel Geduld darf man sich von Menschen erwarten, bei denen Konzentration in einem so schlechten Schulsystem nie ernsthafte Herausforderung oder Förderung kennen gelernt hat?

Kein Wasser zu haben ist schlecht. Kein Wasser zu haben ist wirklich ziemlich blöde. Womit macht man den Tee, wie putzt man sich den Morgengeschmack aus dem Munde, wie wäscht man sich die Hände nach dem Essen (mit Händen)? Wir hatten aber zum Glück noch Wasser bei den Schafen, was man zumindest zum Waschen nehmen konnten. Das diese kostbare Ressource einen intergralen Bestandteil des Konfliktes darstellt, wird mir derzeit erfahrbar. Mir wurde gesagt, unter Bethlehem gäbe es einen Süsswasservorrat, der über 8 Quellen an die Oberfläche tritt. Davon werden 7 von den Siedlungen und der israelischen Besatzung verwaltet. Eine Stadt in andauerndem Mangelzustand.

Ansonsten lese ich mehr, auf Weimar bereite ich mich durch Goethes „Werther“ vor und bin tief erschüttert auf den letzten Seiten, sodass ich es häppchenweise lesen muss. Viele Dinge müssten vorbereitet werden, so zum Beispiel unsere Landheimreise über Syrien und Türkei. Ich schreibe Briefe, sollte Unizweitoptionen anbahnen und stehe somit mit einem Zeh schon wieder in Deutschland. Und wenn ich erst mal dort bin, ist das hier alles ganz weit weg. Nicht in meinem Kopf, nicht gar so schnell. Aber es lässt nicht lange auf sich warten und ich kann nicht einfach schnell auf einen Kaffee zu Ahmad in seinen Laden oder in die Stadt am Nabel der Welt (Jerusalem). Dann spreche ich kein Arabisch mehr und lebe in einem traumhaften Haus, in dem es mehr als eine zerbeulte Pfanne und Kakerlaken als Küche gibt. Gnadenvolle Lebenszeit, wo bringst du mich alles hin?




Sonntag, 16. Mai 2010

Segel setzen - Ägypten im April

Nil, Nil, Nil, fleuve impétueux et tumultueux, tu es comme notre reine la source de la vie!
(Astérix et Obélix : mission Cléopâtre, le narrateur.)

Der Nil hat Charakter. Er ist nicht nur eine Wanne voll Wasser, und auch keine Lahn in Großformat. Ich meine, nachvollziehen zu können, was Smetana dazu bewegte, der Moldau eine Stimme aus Tasten und Saiten zu geben und Heine, Wörter zum Rhein zu dichten.

Ich hatte meinen kleinen Rucksack gepackt, um der Einladung Alains, dem Freund aus Frankreich, den ich schon in Jordanien und im Sinai traf, zu folgen. Jener Rucksack, mitsamt jedem Centimeter meines Körpers, erhielt zwar am Flughafen 2 stündige Sonderbegutachtungen, die mir Gänge, Korridore und Aufzüge des Ben-Gurion-Airports Tel Aviv offenbarte, die der normale, nicht in der PA lebende Reisende wohl nicht zu Gesicht bekommt, doch bepackt mit Sicherheitsbehältern gelangte ich letzlich doch ins Reich des Hibiskusblütensafts, der nasenlosen Hochkultur im Wüstensand vergangener Zeiten und des Bakshish's.

Die Arabische Welt = eine Sprache, die -abgesehen von den regional enormen, bis zur Unverständlichkeit führenden Unterschieden- eine beeindruckende Weltregion von Afrika bis Asien verbindet ; eine Religion, die alle Formen und Grade der Auslegung und Hingabe kennt; und eben ein Überbegriff, der übersehen lässt, wie einschneidend gewaltig die kulturellen Differenzen, geschichtlichen Pfade und landschaftlichen Gegebenheiten sich im Spektrum des Menschengeschaffenen sich „hier“ streuen..
>>Mit Ägypten verbindet Palästina Grenzen. [Die bei Gaza derzeit zugemauert werden, aber ist eine andere Geschichte, die den Traum vom Panarabismus ganz schön schlecht dastehen lässt...]. Und doch liegt eine Welt dazwischen, wie sich Nubien so afrikanisch anfühlt, der Umgang, das Gesprochene, das Bauen und Handwerk erkennen lassen und mich am Ende glücklich darin versichert, dass es in der Region noch vieles zu entdecken gibt!

Ich war ab 1:30 morgens in Al-Qahera, Kairo. Schmuddelig, angreifend, anstrengend fand ichs. Von einem Kaffeehaus zum anderen, von Einladung zu Einladung wandernd, verbrachte ich meine angebrochene Nacht, sah Lebensumstände in Familienhäusern, die Bangkoks Wellblechviertel alle Ehre machten und konnte interessante Gespräche in der wunderschönen islamischen Altstadt geniessen. Und dennoch – der Eindruck, dass trotz aller Freundlichkeit und der beständigen Überzeugung der Ägypter, ich selbst sei Palästinenser (man stellt ja die Frage, „woher man gekommen sei“, was ich eben mit Falestin beantwortete. Die sprachlichen Fehler wurden vom generellen Unterschied unserer „Arabisch's“ verschluckt) am Ende das Geld doch am meisten zählte, war unschön und leider fortwährend. Ein Land, in dem ein scheinbar riesiger, unterbezahltes Polizisten- und Beamtenheer eine Kultur der Korruption unter dem Mantel des „Bakshish“ (kleine Trinkgelder für so ziemlich alles) errichtet zu haben scheint, mischt sich mit der allgemeinen arabischen Tendenz, Kontakte zweckorientiert zu knüpfen und zu pflegen (all dies sind subjektive Beobachtungen und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit). Kairo ist schnell, versmogt und spannend. Das Ägyptische Museum ist Sitz unschätzbarer Artefakte, pharaonischer Goldschätze (z.B. Tutenchamuns Maske und Grabesinhalt) und Statuen aller Epochen des Altägyptischen Reiches, die sich dich an dicht zwängen und auf die Eröffnung des neuen deutlich größeren Museumskomplexes bei Gizeh warten. Ich habe hier Stunden zugebracht, und ich habe es geliebt! Was ich noch erlebt habe geht meist auf die Kappe von Ui, die ein Jahr hier gelebt hat und mir zum Geburtstag einen Eintags-Reiseplan mit Klopausen zu den Mysterien dieser 20-Millionen-Stadt afertigte.

Zu viel dazu.
In Oberägypten, was sich nach der Fließrichtung des Nild natürlich im Süden befindet, enteckte ich Trommeln. Schwarze Haut und krauses Haar. Nubisch als fremdartige Sprache und das Wasser des Nils als Grundvoraussetzung des Ägyptens, wie wir es kennen. Mit Alain, Galal (Kapitän und Vater der bezaubernden Familie, in der wir zu Anfang blieben) und Ashraf machten wir uns auf der Felouka auf in den Wind. 4 Tage Frieden, keine Zeitbeschränkung denn der Sonne und in totaler Abhängigkeit von Wind und Nil, so sah ich Assuan und die Elephantine-Inseln, die Tempel von Edfu und Luxor. Fischerboote stacken im Sonnenaufgang vor den Dörfern aus Lehmziegeln und das einfach Landleben des Isaan (Thailand) schien nicht weit weg. Bewässerungssysteme auf Felderinseln, Shisha-rauchen mit Farmern bis in die Nacht, ich hatte kostbare Erfahrungen unter der großen Sonnenscheibe alter ägyptischer Wurzeln, einem so bedeutsamen Ast am Baum der Menschheit.

In Luxor endlich, Ziel unserer Segelreise, entdeckte ich in unserer Unterkunft 'Marsam', Oasenanlage am Rande des fruchtbaren Überschwemmungsstreifens, eine Perle der Gastfreundschaft und des Miteinander spannender Leute mit den verschiedensten Hintergründen. Künstler und Archäologenexpeditionen, österreichische Wassermystiker und junge Globetrotter verbringen hier Tage oder Monate, und keine Nacht verging, die wir nicht durchquatscht und gefeiert hätten.

Wirklich Pause vom palästinensisch-israelischen Konflikt gab es jedoch auch hier nicht. Obwohl direkt neben an, scheinen Ägypter weit weg von der Problematik ihrer arabischen Brüder zu sein. Anders als Jordanien, selbst halb palästinensisch, wissen Ägypter wenig über die Wirklichkeit der Besatzung. Die Reaktionen reichten von Mitleid („Oh, wie ihr bloss im Krieg leben könnt? Habt ihr Schulen?“) bis Angst. Ich musste mich auch Anfeindungen aussetzen, haben die Palästinenser doch auch nach 60 Jahren nicht geschafft, Frieden zu schliessen oder die Juden zu vertreiben. Das Land, zerissen zwischen Stadt- und Landbevölkerung, Korruption und Armut bestimmter Landesteile hat es wohl satt, sich mit der benachbarten aussenpolitischen Brisanz zu beschäftigen. Und doch ist das Dreh- und Angelpunkt der gesamten Entscheidungen in der Region.
Der Friedensvertrag mit Israel, solch eine Kuriosität, halt die Ägypter nicht davon ab, am Kairoer Flughafen die Flüge nach Tel Aviv zu „verstecken“, sie nicht auf den Tafeln anzuzeigen, nicht auszurufen und die Passagiere irgendwo am hintersten Rollfeld einsteigen zu lassen. Und so, letztendlich, nach einer weiteren Odyssee von zwölfstündigem Zugfahren mit zerschlagen Fenstern, redefreudigen Arabern und gackernden Hühner, verpasstem Flug (die zeitintensiven Sicherheitschecks von El-Al liessen mich nicht durch), Flughafennacht und Uniformen, die in Tel Aviv auf mich warteten, kam ich zuhause an. Und ich fühlte mich ironischerweise so entspannt, sicher, zu Hause, als ich endlich den Checkpoint durchquert und hinter der Mauer stand.
Jesus – Anubis – Jesus, so das Pilgerverzeichnis dieser Reise.