(zwischengedanken)
Das wird vielleicht der letzte politisch orientierte Blog aus der Westbank. Wenn ich in Beirut Zeit und Kopf finde, wird vielleicht nochmal eine Stimme der Beobachtung aus dem zerschossenen und konfessionell zerstrittenen Libanon dringen, über palestinensische Flüchtlinge ohne Bürgerrechte und jüngste Luftangriffe. Oder auch gar nicht.
Ich möchte mich heute zu einer eher unpopulären Darstellung des Nah-Ost-Konflikts aufschwingen, zu einer „Region“ (was heisst hier Land, was sind die Staaten hier?), die so viele Auslandskorrespondenten (pro Einwohner) ernährt wie sonst nirgends in der Welt. Es sind nur ein paar Gedanken zur Psyche der Bewohner des dauerhaften Sorgenkinds der Welt.
[Moment, Welt? Was juckt die Chinesen die Juden, wieviel schert sich Madagaskar um die 3. Intifada? Ok, Westliche Welt. Also wir, denn Weltpolitik wird bei uns gemacht.]
Wenn man hier ist, und von allen Seiten eingebläut bekommt, man lebe im Zentrum des Weltkonflikts schlechthin, kann man das einfach übernehmen. Es ist hier wahrlich nicht friedlich, wahrlich nicht schön für die meisten. Schwere Auseinandersetzungen, Gewalt, Ungerechtigkeiten.
In jeder Zeitung der westlichen Welt tauchen „wir“ hier doch mindestens einmal auf, und kaum wo anders wird sich soviel eingesetzt, und das so beständig. Obwohl es so hoffnungslos erscheint.
Es geht hier um Millionen jährlicher Entwicklungsgelder, Zollvergütungen und Projektinitiierungen von europäischer und besonders US-amerikanischer Seite.
Doch wie nehmen die Leute hier es selbst wahr, die seit 3 Generationen in beständiger Angst und Unfreiheit leben, auf beiden Seiten? Und dabei von der ganzen Welt ummuttert, angestossen, kritisiert und gefördert werden. Die halbe Welt ist in Jerusalem, und jede große humanitäre Organisation hat hier einen Sitz. Haben sie's satt, leben sie einfach ihr Leben, jammern sie rum?
Ich möchte im Folgenden mir anmaßen, die Bewohner dieser winzigen, und doch so verrückten Region zu kritisieren. Einfach mal sagen, was ich schon lange sagen will …
Israel-Palästina ist zu einem Ort geworden, an dem sich Strukturen wie betonierte Gräben so festgefahren haben, dass ein Hinterfragen davon für beide Gesellschaften viel zu gefährlich erscheinen mag. Wahrlich passiert es auch nicht oft.
Israelis sind Leute, die 50% ihrer Steuern in militärische Aufrüstung und Sicherheitsvorkehrungen einbezahlen, aus Angst vor jemanden, den sie mittlerweile größtenteils schon gar nicht mehr kennen. Wer in Tel Aviv kennt schon einen Palästinenser, und welcher Jude in Jerusalem würde schon mal ein Wort oder gar nur einen Blick mit dem Araber wechseln, der ihm jeden Tag in der Strasse begegnet. Parallelgesellschaften. Mauern in den Köpfen. Und sie setzen alles daran, dass diese Mauern auch auf Grund und Boden errichtet werden. Getrennte Schulen, getrennte Städte, getrennte Gesetze. Doch wie sehr verlassen sie sich auf Argumente, die ihnen erzählt werden, die sie aber gleichzeitig gar nicht mehr nachprüfen können? Oder es nicht wollen. Es jedenfalls nicht tun.
Wer von Aussen kommt, der wird Menschen begegnent, die zutiefst verletzt sind und das auch jedem direkt auf die Nase binden. Ob nun der palästinensische Souvenirhändler an der Bethlehemer Milchgrotte oder der jüdische Busfahrer in Haifa, das ist ganz egal. Und schnell hört man die selben Geschichten auf beiden Seiten, von Gewalt und Ermordungen und Angst und Hass. Und natürlich: Man sei im Zentrum der Welt, und die Welt trage Verantwortung für die hiesigen Geschehnisse.
Politik wird hier tagtäglich gemacht, mit jedem Pfurz von der Knesset und Ramallah. International, wie's die Zeitungen zu verstehen geben. Und wenn die Israelische Lobby (AIPAC) in den USA zum National Summit aufruft, folgen mehr als die Hälfte der amerikanischen Kongressabgeordneten und Hillary Clinton ist in ihrem Amt selbstverständliche Statistin.
Doch worum geht es in diesem Konflikt wirklich? Was ist daran so interessant für die Welt, warum ist es der Dauerbrenner globalen medialen Interesses?
Oder muss man überlegen: Warum ist es so wichtig für bestimmte Machtstrukturen, dass es ihn immer noch gibt? Jetzt mal echt, womit sollten Gauner wie die Hisbollah oder Ahmadinejad sonst heuchlerisch argumentieren, wenn die 4 Millionen palästinensischen Flüchtlinge plötzlich zurückkehren oder nachhaltig entschädigt werden würden?
Aber kein Grund zur Sorge, das wird ja so schnell nicht geschehen – eine Besonderheit in diesem Konflikt scheint nämlich auch, das keine Partei bereit ist, nur einen Grad von ihren Ansprüchen und Forderungen abzutreten und von den internationalen Mitakteuren darin auch noch bekräftigt oder zumindest geduldet wird. Die UNRWA z.B. ist die einzige UN-Flüchtlingsorganisation, die spezialisiert eine Flüchtlingsgruppe unterstützt, und das seit 62 Jahren. Das damit der Status Quo zementiert wird, liegt auf der Hand - „schaut her, das uns widerfahrene Unrecht ist kein normales, wir löffeln die Suppe aus, die uns eure jüdische Endlösung in Europa eingebrockt hat!“.
Ich wollte etwas loswerden, was man den nah-östlichen Größenwahn nennen könnte, den palästinensische Hang zur Selbstüberschätzung und das israelischen Grundnahrungsmittel, (metaphorisch gesprochen).
Natürlich sind sie der Nabel der Welt! We are the Holy Land, und es würde einem Israeli wie Palästinenser niemals einfallen, eine Sekunde daran zu zweifeln, das größte politische Problem des Globus' zu sein.
Denn Palästinenser leiden am meisten. – Vertreibung, Fremdbesatzung, Unterdrückung. Eine Rarität in dieser Blümchen-Welt? Ich erwarte keine schlagkräftige Antwort mehr auf meinen Hinweis auf Tibet, auf den Kongo, auf Armenien oder Darfur, wenn ich Diskussionen mit Flüchtlingen führe... wie auch, wissen sie wohl noch weniger darüber als ich.
Mehr als einmal in einem Jahr hier hört man den Satz „Für uns Israelis ist Politik wie für euch die Luft zum Atmen und das Wasser zum Trinken“. Hinter dieser poetischen Floskel verbirgt sich eine tief eingesessene psychologische Selbstzerstümmelung. Eine, auf der das gesamte nationale Selbstverständnis baut, das Jeden drei seiner besten Lebensjahre im Militär kostet und die eint, die so bunt und unfreundschaftlich sind, wie ein zusammengetrommelter Einwandererstaat es sein muss. „The American Dream“ auf hebräisch übersetzt wäre „The Israeli Adrenaline“.Das gibt dem jungen australischen Einwanderersurferjuden in Tel Aviv doch ein ganz besonderes Gefühl, wenn er weiss, dass hier in 60 Jahren diese weltoffene Traumstadt entstanden ist, und 30km der Feind hockt und weiter an Plänen zum jüdischen Massenmord schmiedet. Wahrscheinlich. Sagen die vom Militär.
Das gibt 'nen ganz besonderen Kick.
Wie sollte es anders sein? Kein anderes Thema hat so viele Doktorarbeiten und Analysen hervorgebracht, so viel Medienpräsenz und Schlagzeilen provoziert.
Die Palästinenser haben ein wirklich hartes Los und die Israelis begründete Überlebensangst – aber hinter der Fassade zeichnen sich nach über 60 Jahren Stillstand bis Verschlechterung auch andere Kulissen ab...
Szene 1 – ein Israelischer Staat, der einen gemeinsamen Feind braucht. Und zu sagen, das seien „die Araber“ -mitsamt Sprache und Lebensform(en)- ist deutlich simpler als „die palästinensische Mutter mit 5 Söhnen“ oder „der irakische Flüchtling in Amman“ und „der Iman in Kairo“. Alle hassen sie die Juden. Und wollen aktiv ihre Vernichtung.
Das soziale System in Israel ist weit von europäischen Standards entfernt, der Staat ist mit innenpolitischen Spannungen konfrontiert, muss Ultrareligiöse und linke Tel Aviver auseinander halten, Siedlungen erlauben und Russen Arbeitsplätze besorgen. Amerika und andere Staaten (nicht zuletzt die BRD) subventionieren mit Millionen; auch einen befriedeten Nahen Osten?
Wer nicht beim Militär war, hat später deutlich schlechtere Chancen im gesellschaftlichen Aufstieg, sagt man, und die letzten Minister waren doch alle bewanderte Militärs, oder? Also – ist es nicht doch manchmal ein bisschen ganz gut, vielleicht, und so, das mit dem Konflikt?
Szene 2 – der syrische Durchschnittsbauer ist 7x ärmer als der durchschnittliche Palästinenser. Doch bei ihm kommt keine UN oder EU-Nahrungsspende, vierteljährlich. Wenn in Nigeria Überschwemmungen drohen, wie viel bekommen wir davon in unseren Nachrichten mit und wie viel Sofortspenden können dafür aufgebracht werden? Aber was wäre bei einem utopischen Jordan-Flussüberlauf? Das gesamte Besatzungssystem wäre in Unordnung gebracht, und noch mehr Displaced People! Die westliche Welt wäre auf den Beinen; kein Problem, sind ja sowieso alle hier.
Es steht schlecht um das Palästinensische Volk – aber das immer auf den Staat Israel zu projizieren und durch Wehklagen Hass und Übertreibungen zu fördern, ist nicht produktiv. Und auch hier: eine PA-Behörde, die korrupt ist und eine Besatzung, die den Konservativen in die Hände spielt und alle äusseren Einflüsse abhält. Und einen ewigen Sündenbock zu haben – ist das nicht auch fein?
Es geht im Schlussakt meiner Inszenierung nicht ums Herunterspielen. Leidet ein Mensch, auch nur einer, so ist in der Welt was im Argen und es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Ihr kennt mein Mitgefühl, mein Entsetzen über die schrecklichen Dinge, die hier geschehen. Es ist ein Konfliktschauplatz, ekligerweise ein so komplizierter, tief verankerter, und ja, wichtiger. Zu jedem Satz dieses Kommentars gäbe es 5 weitere als Relativierung und „Aber!“'s einzufügen. Das würde ich selbst mit wedelnden Armen tun, wenn ich so was lesen würde.
Aber das musste mal raus. Dieses ewigliche Bedauern. Dieses behäbige Abtun auf israelischer Seite, „die Araber wollen ja keinen Frieden“ und darauf folgende Verdrehungen der Geschichte. Die „Hand-Auf“-Mentalität vieler Flüchtlinge in den Terretories. Das fortwährende Herumschleppen. Und die Übertreibungen. Wo ist der Wille? Der Biss? Das Nachfragen? Sie scheinen so „fed up“, voll. Keiner mag es ihnen verübeln, ich hätte kein Recht dazu. Bin ich etwa bei den Intifadas dabei gewesen? Höre ich etwa in Deutschland, wenn ich meinen Fernseher anmache, nichts anderes als tägliche Todes- und Ungerechtigkeitsmeldungen von der jeweils anderen Seite?
Yalla, spuckt in die Hände, mag man aber jungen Leuten sagen – ein linker israelischer Aktivist hat mir erzählt, er gehe nun nicht mehr nach Beit Jala zu den Anti-Mauer-Demo's, wenn da die Beit Jalis selbst nicht hingehen. „Ich mach doch nicht deren Arbeit“ - aber Sanktionen, das Familienleben, dieser und jene Ausweg, vielleicht doch Auswandern? Was genau hält die Völker ab, aufzustehen und Strukturen zu verändern. Mal ein bisschen weniger voreingenommen, mit etwas mehr Vergebung und offenem Hinterfragen.
Klingt doch irgendwo vertraut, so ein Weiterreichen von Verantwortung, nicht wahr, Deutsche? Und über den Rauch, der da den Ettersberg bei Weimar aus dem Buchenwald heraufsteigt, darüber mach ich mir noch Gedanken. Erstmal den Sauerbraten fertig machen...