Samstag, 19. September 2009

Arbeit ist das halbe Leben

Der erste Strich im noch imaginären Wochenkalender kann gezogen werden.

Was mich in Thailand beim Gedanken an „ein Jahr“ noch einschüchterte, lässt mich nun recht gelassen sein. Eine Woche vorbei? Erst oder schon? Total egal, es geht schnell genug rum, ob ich nun möchte oder nicht. Es ist noch genug Zeit, Palästina auf den Zahn zu fühlen, den Konflikt zu analysieren, Menschen kennen zu lernen, Wanderungen zu wandern, Abenteuer zu meistern und Projekte anzuregen....

Die vergangene Woche verschaffte einiges an Klarheit. Es bleibt einzugestehen, dass ich in meinem Urteil, ich sei einer unerhörten Diskrepanz zwischen arabischer „mal-sehn“-Mentalität und deutscher punktgenauerStundenabrechnung ausgesetzt, erwies sich als falsch. Ein Gespräch mit meinem Mentor Bernhard klärte das Nötigste, vor mir breitet sich eine volle Bandbreite interessanter Projekte an dieser Schule und der Umgebung aus, in die ich mich einbringen oder die ich anregen kann. Ob nun Hilfe im SOS-Kinderdorf als Animateur, Co-Trainer in der Friedenserziehungsgruppe an Talitha oder Chorkooperation zwischen Jerusalem und Beit Jala; alles benötigt Zeit und einigen Anlauf, aber Spannung scheint garantiert und es lockt mit dem Signalduft „Herausforderung“ betörend meinen Sinn.

Dass ich mich aber in Geduld üben muss und hier alles etwas länger braucht, dass kann ich dank 'Thailand' gut akzeptieren, und so hangele ich mich derzeit noch in meiner Orientierungslosigkeit von Tag zu Tag und lasse Gedanken kreisen.


Von meinen anfänglichen Sorgen ist die Akkuteste geblieben, die Gastfamiliensuche muss ich nun selbst in die Hand nehmen und mich in Mund-zu-Mund-Propaganda und geschicktem Connecten üben. Die Ohren spitzen und andere von meinem Anliegen wissen lassen, dass ist die dienlichste Methode in einem Land, in dem sich Nachrichten über Suq, Frauengetuschel und Teehausgerede seit jeher wie Lauffeuer verbreiten. Und dass die gesamte äussere Welt, sofern sie dem gewogen ist und ihre unermesslich kostbar kosmische Aufmerksamkeit auf meine Entität lenken mag, mir bei dem Erfolg eines baldigen (!) Übersiedelns aus der Deutschen Insel ins richtige Palästina in Form einer Familie die 14 Milliarden Däumchen drücken soll, erwarte ich einfach mal ganz egoistisch. Aber gerade in diesen Breitengraden ist Völkerverständigung ja der Olivenzweig am verdorrten Friedensbaum, ich verkaufe mein Anliegen also als altruistisch...

„Das ist also EINE Welt, das ist nunmehr MEINE Lebens- und Arbeitswelt!“

Staffiert wird sie von einem Stundenplan, der derzeit nicht viel ausser Unterrichtsassistenz in DAF (Deutsch als Fremdsprache) mit insgesamt 23 Wochenstunden in allen Altersklassen ausweist, bald aber doch durch Klavierunterricht, Theater-AG inklusive Tanzgruppe, Mediation (Friedenserziehung), Pausenbetreuung und Chorarbeit aufgerüstet wird. Incha-allah wird das noch vor dem Aprikosentag sein, wie man hier sagt (Miss Aida baut netterweise in die täglichen 300000 Vokabeln auch Sprichworte ein. Shukran ktiir). Also, hoffentlich habe ich die Klavierschüler vor mir sitzen, bevor die Hölle zufriert. Das ist gerade alles in der Entstehungsphase...

Konkret bedeutet DAF, die kleinen bis grossen Palikinder, die besagte Arbeitswelt bevölkern und für eine beeindruckend intensive Geräuschkulisse in Klassenzimmern und Schulfluren zuständig sind, jeden Tag in ihrem Unterricht zu begleiten, sie etwas ruhig zu halten (bei der überwältigend schlechten Disziplin und der mangelnden Fähigkeit eines Klassenverbandes, 10 minuten ruhig zuzuhören, ohne dass irgendeiner der Knirpse mit Stühlen umherschmeisst oder sich Mädels lautstark schnatternd (im Unterricht) küssend um den Hals fallen, kein leichtes Unterfangen) und den Lehrer bei irgendwelchen Sprachspielen zu helfen. Die kleinen Kiddis sind unsaglich süß, die Größeren zwar anstrengend, aber sehr an Kontakt zum „klasseneigenem“ Voluntär interessiert. Am zweiten Arbeitstag wurde ich von meiner 6A -vom Gang aus hörbar- mit einem „We-will-rock-you“-Geklatsche und „Tino Tino“-Chor erwartet. Langweilen tue ich mich mit den Rasselbanden nicht!

In einer 7 kümmere ich mich speziell um ein blindes Mädchen, bald übernehme ich wohl noch eine halbe 2te Klasse selbstständig. Neben dem alltäglichen Arabischkurs bei Aida, Synonym für Überforderung, gehört auch die Arbeit in der Küche des der Schule angeschlossenen Gästehauses zu den Standardaufgaben. In der Küche kann man zumindest seine brockenhaften Arabischkenntnisse einsetzen.

Derzeit verfliegt jeder Tag noch wie der Wüstenstaub, der in der vergangenen Nacht von einem Sturm aufgewühlt wurde. Aber schon dieses Wochenende wird Zeit zum Müsiggang bleiben, denn -wie der Obermufti irgendwo in Saudi-Arabien vor 2 Tagen verlauten liess- ab Sonntag sind die hohen Festtage des Ramadaan-Fastenbrechens. 4 Tage Schulfrei, parallel dazu auch das jüdische Neujahrsfest und nächste Woche Yom Kippur. Und wir Esel begeben uns auch noch am Sonntag nach Jerusalem, um orientalische Sardinen in der Dose zu spielen und sich bei 35 Grad durch die knallvollen Gassen zu schieben.

Da fällt mir ein – was für ein Bild der Leser sich wohl noch von diesem Flecken Erde macht? Ich sollte unverzüglich mit Lagebeschreibungen, Anekdoten zu Checkpoint-Kontrollen und Strassengewimmel, zu jüdischen Siedlungsfestungen auf dem Berg und orthodox-orientalischen Väterchen auf der Bank vor Jesu' Geburtskirche auftischen, um zumindest eine gewisse (subjektiv vermittelte) Ahnung von der Szenerie zu verleihen, die sich mir hier erstreckt. Aber das soll in aller Ruhe geschehen, reflektierter. Denn noch schwelgt mein Geist im Trubel der Neuartigkeit, die Ratio kann sich erst bei geglätteten Emotionswogen die nötige Stimme verschaffen, ein möglichst durchdachtes Bild zu erstellen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass morgen der Unterricht um 7:55 beginnt und die Uhr hier schon tlaate'w hamse in der Nacht anzeigt. Husch, ins Bett, und ihr: weg von den Bildschirmen, geniesst den Regen und die deutsche Luft!

Mit diesen Worten zu meinen ersten Arbeitstagen

bis ein ander mal!

von Herzen, Vallantor

3 Kommentare:

  1. Halb so verschachtelt wie du befürchtet hast... Ich würde mich übrigens auch schon über unreflektierte Eindrücke freuen. ;)

    Liebste Grüße,

    Ps: sie haben eine Nachricht bei Facebook.

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  2. Es ist der Sonnenschein von Den Haag, den ich derzeit genieße, lieber Tino. Ich freue mich ob der Vielfältigkeit deiner Aufgaben und hoffe mit dir, dass du schnell deine Gastfamilie findest.

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  3. habe endlich die zeit gefunden, deine sätze zu lesen. :)

    Danke für das mitteilen! Die kids schmeissen mit stühlen? Ich dachte, das machen nur unerzogene ami-kids auf guam! ;)

    Wie gehst du damit um?
    Warum glaubst du, die haben nicht soviel discipline in der schule? nicht die ruhe dazu?

    Was machen die andere lehrer?

    sorry - so many fragen!

    viele grüße,
    -t-a-t-

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