Seit gestern abend herrscht apokalyptisches Wetter. Gar Hagel donnerte auf die Scheiben ein, und der Wind lies mit voller Kraft dicke Tropfen gegen Sarahs Wohnung auf dem Dach des vielstöckigen Gebäudes in Beit Jala preschen. Ein dickes, graues Tuch hat das Himmelsgewölbe behangen und die Strassen in Bethlehem gleichen Kanälen, Wassermassen gleiten die Berge hinab, ohne in nicht vorhandenen Abflüssen zu verschwinden. Bei all dem Tosen scheint es schwer, die Gedanken zurück wandern zulassen, zu Erinnerungen einer vergangenen Woche, in der Vögel sangen im Innenhofe des Gästehauses und Internats, zurück zu dem Spaziergang mit meinem lieben Freund Fares auf seinem Familienberg unter den Mandelblüten. Kleine Primeln säumten den Weg, wo wir die Schafe zum Grasen bringen. Man ist im Hier und Jetzt. Was hinter uns liegt, packen wir doch so oft an und ziehen es nach; was noch zu kommen ist, malen wir uns anmaßend aus..
Ich lebe derzeit so sehr hier, durchschreite Wochen wie Epochensäle im Metropolitan Museum. Ich genieße den Lauf, den sich die Dinge geben und lasse mich hängen im Netz der vielfältigen Aufgaben und Möglichkeiten.
Es sind nun schon viele Wochen her, ein anderer Monat, ein anderes Jahrhundert im Leben einer Raupe – da war mein Geburtstag, und ich durfte mich warm bei der Hand gepackt fühlen, geführt zum Strand des neuen Lebensjahres, mit einem Fährboot bis oben mit Glückwünschen und Post gepackt. Von ach so vielen Menschen, ihr alle, die ihr euren Platz in meinem Herzen geraubt habt, was auch immer das heißen mag.
Ich bin sehr gut gestartet – da waren die geschätzt Millionen Gastgeschwister und -cousins, die einen mit kitschigen Styroporherzen und Glitzermalereien zu beglücken gedachten. Und ein Kuchen mit Erdbeeren geziert, die Sarah und ich die Nacht zuvor auf der Strasse erstanden hatten. Meine Mutter hat den Ofen extra für mich eingeheizt und ich fühlte mich wirklich zuhause, in einem ganz neuen Zuhause hier in der Westbank. Auch ging ich mit Sarah nach Jerusalem, und einem herrlichen, versteckten Bistro genossen wir Noblesse und Packete auspacken. Es gibt kaum etwas schöneres an solcherlei Tagen, als Worte von all diesen Händen zu lesen.
Viel machte mich das in den kommenden Tagen denken. Sie sind alle da draussen, diese wunderbaren Leute. Jeder einzelne wäre genug, manche sogar mehr als nur erfüllend. Und ist es da nicht auch ungerecht? Und ist es da nicht auch anstrengend, dem gerecht zu werden? Doch ist es nicht toll, alle Jahre wieder eine kleine Begegnung, und Bande, die dennoch bestehen. Es stehen noch einige Briefe aus... zumindest aber male ich in den Briefen wieder!
Was ich hier eigentlich schreiben möchte, weiss ich noch nicht ganz. Man macht sich derzeit Gedanken über die Wirksamkeit und die Nachhaltigkeit des Lernens hier an Talitha Kumi und in der Westbank an sich. Man macht sich Gedanken über die Schüler, die über die Strenge schlagen, über seine eigene Rolle in den Projekten und im Unterricht selbst. Da sind Grübeleien, die sich mit der Zukunft der Internatsmädels befassen, sich ohnmächtig sehend neben all den vorgetretenen Wegen des Heiratens, des Kinderkriegens, des Hassens. Unfreiheit legt keine Ketten, sie raubt die Sicht hinaus aus der Zelle.
Manchmal packen einen Höhenflüge und man lehnt sich zurück und lacht laut. Wie Sarah und ich uns freuen, wenn wir einen tauglichen Karton finden, „den man wunderbar zu einem Tisch machen kann! Und wie stark die Wände sind!“. Oder wie man Teebeutel 3x benutzt. Oder wie man innerlich schockiert ist, so viel nackte Haut an Dahabs Stränden zu sehen...
Dahab?
Spontanität ist ein Hintertürchen zu den wirklichen Abenteuern. Mein „Freund“, Alain, der seit zwei Jahren von Spanien hier her gelaufen ist und den ich im Wadi Rum in Jordanien -ebenfalls im Zuge einer gutherzigen Planänderung in letzter Minute- traf, schrieb mich vor zwei Wochen an. Das Ende einer netten, kurzen Konversation war, dass Sarah und ich ein verlängertes Wochenende auf dem Sinai verbrachten, spannenden Erzählungen lauschten und gut aßen. Einfach so. Auch, dass wir bunte Fische in allen Farben des Regenbogens im aufgewühlten Roten Meer sahen, schirmförmige Riesenkorallen, brachte Freude. Es ergab sich, dass wir den Berg Moses erklommen und um 5:30 mit Sondergenehmigung bei der Mönchsmesse im orthodoxen Katharinenkloster beiwohnten. Brennende Dornenbüsche und bizarre, nicht für Menschen gemachte Wüstenformationen.
Und da ich nicht reif bin, noch einem buddhistischen Mönch gleiche, schwelge ich auch schon im Morgen, bewerbe mich um ein Studium des Interkulturellen Kulturmanagments in Weimar, plane Kunstgruppen an Talitha. Wir wollen „Billy Elliot“ in einem Land zeigen, in denen jeder Tänzer automatisch schwul und damit krank sein muss, per Definition.
Was gibt es sonst noch, quoi de beau? So vieles – ich habe „Aladin“ auf Arabisch gekauft und im Daheisha-Camp wurden wieder Verwandte von Bekannten von israelischen Kräften erschossen. Es gab Schulfrei, da Israel die Autonomie provozierte und den Hebroner Ibrahim-Haram und Rahels Grab (schon durch die Mauer wie ein Stück heiligen Kuchens aus Bethlehem ausgeschnitten) als Israelisches Nationales Erbe bezeichnet.
Heute ist Mohammads Geburtstag. Nein, nicht der meines Bruders. Nicht der einer meiner 2 Cousins mit dem selben Namen. Auch nicht einer der 10, die jetzt gerade im unserem Caféhaus sitzen und beim Rufen dieses Namens aufstehen würden – der Prophet selbst wird jubiliert.
Zusammenhängendes bring ich heute nicht mehr zustande,
Ganzheit ist nur was für Gott oder dem Nichtsein.
Also belasse ich euch im Eindruck kleiner Regentropfen, Details, die um den halben Globus in euer Gemacht plätschern. Tip Tap Tip Tap, little Aprilshower...
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Deutschland an der Leitung! (das Bistro in Jerusalem)
Neulich im Caféhaus.... (das Séparé für Damenbesuch, seit einem halben Jahr wohl ausschliesslich Sarah)
Yad Vashem - am Ende des Museumtunnels erwartet einen der Blick auf das "Verheissene Land". Endlich sind sie angekommen. Das man Geschichte aber wiederholen kann, scheint einigen Drahtziehern der ethnischen Säuberung nicht bewusst zu sein...
hey, danke für die bilder - worte-bilder und sichtbarer bilder. Wir denken an dich. lg,-t-
AntwortenLöschenwenn ich den text lese, wenn ich die bilder sehe, wenn ich deine stimme dazu in meinem kopf erklingen lasse, merke ich, dass ich dich doch ganz schön vermisse, hier in herborn, in der alsbach, wo es auch gerade stürmt, alles andere aber friedlich und gut ist. ich wünsche dir nur das beste, grüße und küsse. Anna
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