Tausend Dinge passieren, bevor wir einen Atemzug gemacht haben. In Sekunden und Tagen verstreichen ganze Eintagesfliegen-Ewigkeiten, und ach je, was ist schon ein Menschenleben?
Die vergangenen Wochen waren ein Bouquet aus ungestümen Erfahrungen, eine Ansammlung an Erinnerungen, die wie Briefmarken in das ganz besondere Sammelalbum meines Lebens eingeordnet werde wollen. Perspektiven wechseln bei der Israelreise, Einblicke, die ich vielleicht gar nicht haben will und das ganz normale Alltagsleben in Bethlehem, in meinem UNESCO-Jahr.
Ich habe jemandem versprochen, dieses Mal nicht politisch zu werden. Wohl wahr ist es, dass ich stets in sehr allgemeine Beschreibungen verfalle, was jedoch keineswegs gewollt, sondern viel mehr unvermeidbar ist. Verzeiht, aber ihr seid mein Kanal und Ventil, um die angestauten Beobachtungen und belastenden Gedankengänge abzulassen. Dieses mal geht es aber um sehr schönes, um das Leben, das ich hier führe, um den Dezember am „Tatort Christi-Geburt“!
Der Advent – jeden Sonntag war uns, ungeplanterweise, etwas sehr schönes beschert .. so sollte am ersten Sonntag des Kerzenanzündens (Sarah hat einen Tannenkranz von ihrer ehemaligen Grundschullehrerin geschickt bekommen) versüsst werden mit einem Abend im Intercontinental Bethlehem, dem Jacir Palace. Ein Traum aus altem Hospitalbau eines braven muslimischen Bethlehemer, eingegangen in die Annalen dieser sehr alten Stadt, mit allen modernen und dekorativen Annehmlichkeiten die man sich denken kann. Verknüpft wurde der Neubau und der alte Palast mit einer alten Schäfersgrotte, in der wir Argile rauchten. Kosten tut das ganze nicht sonderlich viel, da das Hotel an der einst immens belebten Hebron-Jerusalemstrasse mittlerweile mit der Mauer quer über die Strasse hinweg abgeschnitten ist von Wirtschaftskonferenzen und einem Einkommen, dass diese exquisite Adresse verdient. Wie wir aber eigentlich dazu gekommen sind, als arme Voluntärsmäuse und noch ärmere Jungpalis? Ahmad hat natürlich einen Cousin, der dort Guard ist, der uns eine Führung gemacht hat, der mich am Flügel hat spielen lassen, der uns den Barkeepern vorgestellt hat und so als weiterer Beweis arabischer Vetternbündnisse gilt. Eine Hand wäscht hier immer die andere, und Hilfe winkt an jeder Ecke.
Das zweite Lichtlein brachte den strahlenden Glanz meines hocherfüllten Herzens mit sich... ein „Arbeitstag“ in Jerusalem, an dem wir eigentlich nur zur Post und zum alten, syrisch-orthodoxen Perlenmann bei der Station XIII Via Dolorosa im Altstadtgewirr wollten, wurde zur Erfüllung eines gehegten Traumes – wir kamen auf den Tempelberg! Es gibt für Ausländer, also Nicht-Juden und Nicht-Moslems, eine 2-stündige Besucherzeit, die aber sehr oft nicht greift, da irgendwas wieder los ist. Wie oft standen wir schon vor den Soldaten und mussten von dannen ziehen, enttäuscht, weil wieder ein Feiertag war, wieder Tumulte vermutet wurden, wieder irgendwer Hochrangiges die Westmauer (alias Klagemauer, den Begriff mögen Juden aber nicht) besuchte?
Punkt um: ein Wunder geschah, wir wurden trotz aller Checks hochgelassen und sahen, was Innbegriff von Eleganz und dem Prinzip von feinen Details, die sich zu einem harmonischen, enormen Ganzen weben, beudetet --- an der Aqsa-Moschee, am Felsendom und in den Säulenkollonaden und kleinen Pavillions drumherum haben die Erbauer ein Reich des Himmels geschaffen, denn es wurde mit Luft erbaut. Alleinstehende Säulenbögen und blickdurchlässige Mauerteile zeigen, dass ein Nichts in der Architektur sehr viel mehr Wirkung haben kann als ein Etwas. Besonders, wenn das Nichts ergänzt wird durch eine schier unzählbare Anzahl an verschiedenen, feinen Mosaik- und Fliesenmustern, wenn der gesamte Bau gelockert wird durch eine seichte Asymmetrie der Anordnung der Bauten, und doch alles auf den einfachsten geometrischen Formen beruht. Der oktogonale, blaubefliesste und von einer enormen, seit jordanischer Zeit vergoldeten Kuppel gekrönte Schrein Mohammads Himmelfahrt mit seinem Pferd Buraq ist Zentralbau des Platzes. Die Al-Aqsa dient als religiöse Bildungsstätte, und umher laufen Familien und allerlei Anwohner, entspannen in der Sonne oder verschwinden ins Innere zum Heiligen Felsen, zu dem wir als Nichtmoslems aber leider seit der Al-Aqsa-Intifada nicht mehr dürfen. Meine Gastfamiliewird aber noch einmal mit mir hingehen, haben sie mir versrpochen. Und dann auch rein.
Dieser Besuch des drittheiligsten Platzes des Islam, erbaut auf einem künstlichen Plateau oberhalb der Ruinen des jüdischen Allerheiligsten (dem 1. und 2. Tempel Davids, von dem nur noch die Westwand der Terrasse, heute „Klagemauer“ übrig ist), war wirklich etwas ganz Besonderes. Zumal wenn man bedenkt, dass der israelische Staat mit seinen „Ausgrabungen“ unter der Aqsa alles daran zu setzen scheint, diesen Meilenstein der Kunst der Menschheit verlorgen zu gehen lassen... die Al-Aqsa zeigt enorme Risse und Studien zufolge (deren Quelle ich aber leider nicht kenne und dafür nicht bürgen kann) ist das gesamte Bauwerk schon um einige Zentimeter abgesackt.
Der dritte Advent war dann eher Vorbereitung auf Weihnachten in Bethlehem. Eine deutsche Voluntärin, die wir in Haifa kennengelernt hatten und die in Ashqelon gearbeitet hat (mittlerweile aber abgebrach), kam uns besuchen. Wie man sooft hört, brauchen Leute einen Grund, um aus ihrem Alltag heraus Attraktionen in ihrer eigenen Stadt zu besuchen. Schon lange wollten wir ins Old Bethlehem House, ein traditionell gehaltenes palästinensisches Haus in der Altstadt, dass als nettes kleines Museum von der Arab Women Association, die sich vorallem mit der Erhaltung des Stickhandwerkes und anderem kulturellem Erbe beschäftigt, geführt wird. Tabea war eben der Anlass, der uns endlich unseren freien Freitag darauf verwenden liess, dort und noch an einige andere Plätze zu gehen. Ein erneutes kleines Wunder geschah – durch einen Bekannten (Ibrahim, ich hatte ihn bereits erwähnt.. der Moslem, der in der Geburtskirche arbeitet und jeden und alles kennt) kamen wir in die verschiedenen, sogar verborgenen Grotten des Geburtsschauplatzes (so es die Tradition und die Bestimmung der Kaiserin Helena will) und VIP-Besuch im sonst verschlossenem armenischen Teil der Basilika. Im Hinterhof beim orthodoxen Turm Kekse essen, mit armenischen Mönchen das Dach der Geburtskirche besteigen; hier ist alles möglich, wenn man sich offen zeigt. Die Armenische Kirche scheint aber wohl von dem Genozid an einem grossteil ihrer Landsleute schwer getroffen zu sein, finanziell lässt sich das im gesamten Heiligen Land an den verschiedenen Pilgerstätten, an denen sie neben den Lateinern und den Orthodoxen stets grossen Anteil hat (alle Konfessionen streiten sich sei eh und je um die Heiligen Stätten), sehen. Einst wohl sehr einflussreich, verfällt ihr Besitz zunehmend und weicht abblätternden Farben an den Wänden und vermodernden Ikonen.
Eins, zwei, drei. Wa7ad, tneen, talaat. U al rabe3 sham3, die vierte Kerze, die war ein verlängertes Wochenende. Eines, dass so war, wie ich mir ein Freiwilliges Soziales (kulturelles?) Jahr vorstelle – wir haben uns selbstständig mit der Internatsleiterin verständig, uns wurde sehr viel Dankbarkeit und Freude über unsere „Arbeit“ entgegengebracht, und wohl nicht zuletzt dadurch, und der genossenen Freiheit und Leichtigkeit, verlangt diese Arbeit Anführungszeichen. Wir haben mit den Internatsmädels gebacken, einen Filmeabend gemacht. Nikolaushäuschen mit den Kleinen, der ganze Tisch war ein einziger Zuckerguss-Klumpen. Die Perlenkrokodile glitzerten in den verschiedensten Glaskugelfarben, der kleinen Riim musste ich alle Beine einfädeln, der herzenshübschen Djina war wegen ihres Talentes nicht zu helfen, und mehr als einmal schlief mein Bein auf dem Sitzkissen in der Internatsbibliothek ein.
Heute habe ich gehört, dass Djina während den Ferien 10 Krokodile als Weihnachtsgeschenke gemacht hat, wir fangen an, bedeutende Spuren zu hinterlassen :P.
Ein anderes weihnachtliches Geschenk war ein Ausflug in die Wadis der Jüdäischen Wüste, zu den Schluchten, die das orthodoxe Mar Saba Kloster einschliessen. Mit all meinen lieben, meinen guten Freunden, meinen Wegbegleitern hier... da ist natürlich Sarah. Ich würde ihr nicht gerecht werden und unser absolut scheinendes gegenseitiges Verständniss in allen Lebensfragen hier nicht treffen, würde ich sie hier beschreiben. Begnügt euch damit: Ohne sie wäre das alles hier blöd für mich. Sie ist der Teebeutel wo ich das Wasser bin.
Und da ist Thaer, mein Gastbruder und ein von verkorkster Sentimentalo, mit einem Herz aus Gold und dem Problem, manchmal zu vergessen, dass es nicht allzu lustig für andere wird, wenn er wieder den Hardliner abziehen muss, um dem Selbstbild von coolem Macho zu entsprechen, dass er im Spiegel sieht. In solchen Momenten ist sein Lieblingsausdruck „Ana Hor“, Ich bin frei; das ist dann die Entschuldigung für so ziemlich alles, was aus totaler Launenhaftigkeit entspringen mag. Mit ihm wird’s nicht langweilig und ich habe ihn so gern, wie man einen Bruder mag – jeden zweiten Tag möchte man ihm den Kopf abreissen.
Ahmad, der Strahlemann und Held meines Alltags. Er ist immer froh und nimmt das auch als Lebensmotto in die Hand, bewaffnet mit seinem Glauben, seiner absoluten Sanftmütigkeit und Engelsgeduld. Ich laufe gerne ein Stück hinter den anderen mit ihm alleine, wenn wir abends durch Bethlehem gehen (auf dem Weg zu einem Ereigniss oder nur zum Kaffeehaus), um mit ihm über schöne, ernste, aber immer offene Gespräche mit ihm zu führen. Er ist der Sand, an dem jeder Orkan versiegt.
Und Tareq. Nun, Tareq ist ein Typ für sich, ein starker, scharfer Kopf, aber dick wie Eichenholz. Er denkt ununterbrochen über uns und unsere Beziehungen zueinander nach, liebt es, aus Mäusen Blauwale zu machen und ist eine sehr treue Seele. Er ist kompliziert und interessiert, war mit einer Theatergruppe aus dem Alternative Information Center (Beit Sahour) schon in Deutschland und leidet durch sein Potenzial und seinen Wünschen sehr an der Besatzung. Er will mit keinem Juden sprechen und ist geprägt durch furchtbare Erlebnisse aus der Intifada. Er hat einmal, als es wieder mal Zeit für Probleme war („Sarah, Tino, wir müssen reden!“) die ganze Nacht nicht geschlafen und auf 2 DinA4-Seiten Sätze von vergangener Woche zitiert und interpretiert, dabei ominöse Hypothesen über Vertrauen und einer von Sarah getätigten Handbewegungen aufgestellt und uns verwirrt. Und amüsiert. Und ihr kennt es ja schon, in Palästina: Am Ende wird alles gut.
Das Kloster? Wunderschön. Abbild seiner rauen Umgebung ist es gehauen aus Sandstein, der das ganze Land beherrscht. Blaue Kuppeln und das goldene Kreuz blitzen dem Qidron-Fluss am Grunde des Wadis entgegen, ihm zusehend, wie er sich durch die Schluchten gen Totem Meer dahinzieht.
Auf unserer Wanderung war natürlich eine Argila (Shisha) dabei, und erst als das sternenbehangene tiefblaue Himmelstuch unsere Köpfe überspannte ging es nach Hause, zu Fuss durch die Landschaft.
Und somit also war es schon Zeit für den ultimativen Countdown zur wichtigsten Saison dieser Stadt... wir waren auf der Pressekonferenz des Bethlehemer Bürgermeisters und Regierungsvertreter der Autonomiegebiete, die die Weihnachtsbotschaft 2010 verkündeten (sie ist sicherlich für Interessierte im Internet wieder zu finden), sahen den Baum vor der Geburtskirche anknippsen und zogen in die Traumwohnung von Stefan, einem deutschen Lehrer, der mit Sandra, seiner äusserst sympathischen Frau über die Feiertage nach Deutschland gereist ist, ein. Eine Tür, die ich hinter mir abschliessen kann! Eine Anlage und ein riesen Stapel famoser Musik, eine Küche halb so gross wie unsere arabische Wohnung für 9 Personen. Warmes Wasser. So kam das Fest, und es war unser eigener kleiner Stern in Bethlehem. Wir machten Essenseinkäufe und bestaunten die verschiedenen Pfadfindergruppen mit ihren Kapellen und Trommelgruppen, wie es Tradition ist in der Christstadt. Auch unsere Talithas waren dabei und der Übertragungswagen, auf dem wir dank Ibrahim sassen, gab uns perfekte Ausblicke. Als es dann auf die Ankunft des Partriarchen, begrüßt von traditionellen Tanzgruppen, einer Mönchskaravane und den Hütern der Kirche im Festgewand, zuging, geleitete Ibrahim uns mit unseren Freunden auf den Ort, wo man zu Weihnachten sein muss – ganz alleine auf dem Dach der Geburtskirche, 15 Meter unter uns die Geburtsgrotte. Al-Jazeera war dabei, und die Heute-Nachrichten glitten an uns vorbei. Das gab unserem Companion einen Geistesblitz, und als „Presse-Leute“ standen wir direkt beim Patriarchen aus Jerusalem in der katholischen Geburtskathedrale (St. Catherina), mit den Mönchschören lateinische Liturgie ins die Nachmittagsluft pustend.
Es waren schöne Stunden. Es waren Stunden mit Freunden, die in diesem Leben, das so neu und doch schon so sehr meines ist, und natürlich blieben sie nicht ohne gewohnt dramatisch ausfallende Arab-Streitigkeiten. Tareq war sauer, weil wir ihn am Vorabend nicht angerufen hatten, wollte dann plötzlich nicht mehr mit uns nach Hause kommen um den seit Monaten besprochenen gemeinsamen Heilg-Abend zu verbringen, Thaer wollte noch eine Freundin treffen, ohne uns natürlich davon etwas zu sagen (Männer/Frauen-Verhältnis. Er kennt sie grob von MSN), als wir dann gehen wollten, kam nur ein „Ana horr!“, „Ich bin frei!“, und er wollte nicht mehr mitkommen. Wir waren dann auch sehr böse, schliesslich war es DAS Fest für uns, gingen einfach alleine nach Beit Jala und später war alles wieder gut. Ein Anruf, ein bisschen Gemaule, und dass es bloss so aussieht, als habe keiner sich entschuldigen müssen – arabischer Stolz zum Krippenspiel.
Die Weihnachtsmesse besuchten Sarah und ich in der Bethlehemer Weihnachtkirche, und Deutschland hat mich sogar beobachtet, wie wir den 3-sprachigen (Deutsch, Arabisch, Englisch) Lobgesang anstimmten, denn das BR und ZDF war anwesend. Es war sehr schön, denn es ging um Frieden, um die Hirten und ein Strohhalm, dass sie aus der Krippe mitgenommen hatten. Das Vaterunser lief in 11 Sprachen. „..und Frieden auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen“.
Das Essen war ein goldglitzernder Traum aus Teeduft, Organen-Honig-Gans und arabischer Oud-Musik. Ich habe hier Freunde, richtige Freunde; ist das nicht schön, wie einfach man überall leben kann? Aus allem wird Alltag...
Aus eben diesem gewohnten Habitus sind wir im Rest der Ferien ausgebrochen, sind gereist, haben in Israel eine Millionen neue Facetten des komplizierten Seins, das der Westen als Nah-Ost-Konflikt tituliert, kennengelernt, bei Künstlern in Yaffa übernachtet und in Kibuz-Bibliotheken im Golan reingeschnuppert. Unterirdische Kreuzfahrer Stadt und Herodes Tempel im Mittelmeer bei Caesaria. Ihr seht, ich langweilie mich nicht. Und ich lebe jeden Tag aufs neue, ob nun in Deutschland, Palästina, Yunnan oder in den Alpen – ich bleibe euch erhalten,
in Liebe.
un texte particulièrement réussi!! j'espère que plein d'autres le lirons...
AntwortenLöschentino. wunderbar.
AntwortenLöschenbist ein dichter und lebens-künstler.
wir haben schnee hier in kw.
pass auf dich auf.
romana
Toll deine geschichten zu lesen. :)
AntwortenLöschen-t-