Ich könnte nun über Weihnachten in Bethlehem schreiben. Eine wahrhaft spannende, unvergessliche Erfahrung, am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Ich könnte darüber schreiben, wie unser moslemischer Freund Ibrahim, der in der Geburtskriche arbeitet, und auf VIP-Plätze auf die Geburtskirche gebracht hat, um von dort die Parade auf dem Krippenplatz zu beobachten. Wie wir auf dem Fernsehübergragungswagen Al-Jazeera bei der Arbeit zugeguckt haben und in die Heute-Nachrichten gekommen sind. Wie wir als „Presse“-Leute in die erste Reihe bei der Einzugsliturgie für den lateinischen Patriarchen Jerusalems die Gesänge just neben eben jener Hochdurchlaucht schmetterten. Und wie der Advent in der Stadt des Messiahs war, wie die Sternstrasse mit kitischig-güldnen Engelein ausgeleuchtet war und meine muslimische Gastfamilie Sturm lief bei der mitgeschickten Weihnachtssocke, aber alle hocherfreut waren über meinen Adventskalender, jeden Tag einer (glücklicherweise sind wir genau 24!).
Das werde ich auch tun, ohne Zweifel. Es ist wohl der interessanteste Text für die meisten, wo ich doch schon in Bethlehem bin. Interessant, zu sehen, wie auch dieser mystischer Zauber durch Stacheldraht und arabische Realität seinen Schleier der Fantasie fallen lässt und Platz schafft für einen Eintrag in meine Analen. Für euch zu lesen, aber nicht heute.
Heute möchte ich erst etwas ganz warmes loswerden, einen Tag, wie er ganz symbolisch für Palästina steht. Oder eher das, was die Geschichte daraus gemacht hat in jüngster Vergangenheit, in der „Westbank“.
Es ist eine sehr palästinensische Angelegenheit, dass nichts funktioniert, alles in heillosem Chaos versinkt und am Ende doch alles gut wird.
Heute, am 27.12., hatten wir mit dem Olivebrancheschor der Bethlehem Uni einen Auftritt in der Lutherischen Kirche zu Ramallah. Und wie es eben einfach passiert, waren wir auch dieses mal wieder im Fernsehen, Liveübertragung. Es mussten für die Fahrt zwei Konvois gebildet werden, einmal mit, einmal ohne Permits. Wir Internationals fuhren also über den deutlich kürzeren Weg über Jerusalem, der eigentlichen Hauptstadt der Palästinensischen Autonomiegebiete. Unser Weg führte uns zum ersten Mal über Qalandia, ehemals arabischer Stadtteil Westjerusalems, seit 2006 in einem großen, mit dem Lineal gezogenem Quadrat Betonmauer und Sicherheitszäunen von der Stadt abgetrennt. Somit schaffte sich die Israelische Regierung einen Ausgleich zur demographischen Statistik über den arabischen Anteil Jerusalems und spart sich zudem Sozialversicherungskosten für 10000 Menschen.
Eine unserer Chorsängerinnen ist Israelin. Ihre Beisein beim Singen ist verboten, man soll ja nicht die Pinsel vermischen. Sie war natürlich trotzdem dabei.
Bis hier war alles vorgedacht. Das Singen war vorbei, und 'natürlich' gab es unerwarteten Kaffee und Süssigkeiten von einer Dame der Kirchengemeinde für uns. Eine us-amerikanische Voluntärin führte uns zum richtigen Warteort für Nablus-Services (Sammeltaxis – Nablus auf Arabisch: Nablis). Eine Freundin mehr...
Samarias Hügel ziehen an uns vorbei, bis in luftigen Höhen das Balada-Refugee-Camp sich an den biblischen Hängeln Shechem (der Vorgängerstadt Nablusses, das als römische Colonia „Neue Stadt“ genannt wurde) emportklimmt.
Ein paar Fragen, ein Obstsuq mit frischen Mandarinen weiter und unsere Füße tragen uns in eine viel zu schmale Gasse, von obenl, unten und an den Seiten mit Ständen, Leitungen und Wäsche verhangen. Nablis' alte Herrlichkeit lässt sich an versteckten Ornamenten erahnen, die um Türbögen und mit halbabgerissenen Plakaten überklebten Gassenmauern laufen.
Strassengewirre, arabische Nachfragen und Angebote bekommen und stellen.
In einer mit mächtigen Mauern umrandeten Gassen lockt ein ehemals prächtiger Innenhof durch eine Toreinfahrt unser Blicke – der kleine Junge am Tor führt uns am Heu vorbei, durch eingefallene Krypten, in osmanischen Fensterbögen umherkletternd, in den privaten Hauptplatz mit verfallenem Brunnen eines stark verfallenen Osmanen-Herrenhauses. Mitten im Suglärm, abgeschirmt von fremden Blicken erstreckt sich unter uns eine weitläufige Anlage ehemaligen Handelsmannreichtums. Heute stehen hier Mandarinenbäumen, zwischen denen ein dürres Pferd grast und Kinder von den Nachbarhäusern spielen.
.Wieder im Strassennetz, lichtdurflutet und mit Teekannen behangen, sehen wir die hölzernen Erker, von aussen blickdicht, für die Damen des Hauses. Noch ein Törchen, noch eine kleine Gasse. Sarah bemerkt die ganz frisch aussehenden Todesmeldungen in Martyrerpose, neben den vielen zerfledderten.
Zwei schwarz gekleidete Frauen grüßen uns. Salam alaikum السلام عليكم. Sie sagen, in diesem Haus sei einer der Männer in der Nacht von israelischen Soldaten heimgesucht worden, seine Kinder haben ihn mit einer Kugel im Kopf sterben gesehen. Wir hatten davon gehört.
Ehe wir uns versehen, sitzen wir im spährlich beleuchteten Gewölbezimmer des Altstadtbaus. Ungefähr 40 Frauen schluchzen und trinken Kaffee, ohne Zucker. Es ist ein bitterer Anlass.
Was wir sagen sollen, wie lange wir bleiben sollen, ob ich als einziger Mann unter ihnen überhaupt hier sein sollte, wiessen wir nicht – es ist nur klar, dass „die Welt“ das sehen muss, das wir als Internationals ein ganz anderes Mitleid spenden können mit unserer Präsenz.
Der Klos sitzt im Hals, wie alle bisher war das in Nablis nicht geplant. Es geht aber weiter, eine der Seifenfabriken suchen, für die die Stadt seit den Babyloniern bekannt ist – eine aus dem 13. Jahrhundert Manufaktur ist von dem israelischen Luftwaffenangriff während der Al-Aqsa-Intifada zerbombt worden, wie ich lese.
Doch dann grinst da so ein Typ aus einem gelben Auto, dass Greenpeace nicht nur wegen seines Alters liebend gerne aus dem Strassenverkehr demonstrieren würde. Es knattert langsam an uns vorbei, ich grüße und bekomme fröhlich gesagt, er sei Ibrahim, „wir haben uns in Jericho gesehen“. Das kann sein,in Jericho leben schliesslich viele Leute.
10 Minuten später sitzen wir bei Abu Ghos' auf dem Sofa. Die Wohnung ist eng, aber sehr gemütlich. Die Teppiche sehen schwer aus, und eine Allah-Kalligraphie ziehrt den Salon. Das Essen schmeckt wunderbar, die Gespräche sind nett. Ibrahim will am Ende Sarah heiraten, wenn ihr Bruder (ich) damit einverstanden ist.
„Ihr wollt ins Camp? Nein, nein, die bewerfen euch vielleicht mit Steinen!“ - soetwas kommt natürlich aus dem Munde eines Ur-Nablisi, dem die Flüchtlingswellen, die das Leben in den gemütlichen Bergen wie sonstwo '48 und '67 so sehr veränderten, suspekt sind. Der Nah-Ost-Konflikt kennt mehr Parteien und Fronten, als man auf groben westlichen Blick sieht.
Der Weg zur Buszentrale zurück ist einfach. Die Hupe des gelben Dosenflitzers klingt übrigens wie ein verstopfter Wasserhahn. Ibrahim knattert wieder in die Unendlichkeit der zufälligen Begegnunen davon.
Im Sammeltaxi nach Ramallah ergibt sich nur eine Mitfahrgelegenheit nach Beit Jala, sondern auch der sehr spannende Einblick in die Arbeit einer jordanischen Psychologin, die für eine französische NGO in der Westbank arbeitet.
Ein Murren geht durch die Mitfahrer – ein Anruf hat uns angekündigt, der Checkpoint vor dem Wadi Nar (Feuerschlucht) werde vielleicht geschlossen. Es ist schon dunkel, die fremde Militärmacht im „Autonomie“Gebiet übt sich in Willkür.
Eine Seitenstrasse durch die Wüste wird ausprobiert. Ein niegelnagelneues, trilinguales Schild weist auf Unpassierbarkeit hin – die auf die Fahrbahn geschütteten Felsbrocken sprechen eine deutlichere Sprache.. das war keine Gerölllawine.
Die Psychologin will zu ihren 4 Kindern, wir sind müde und die 5 verbleibenden Kilometer zum
Checkpoint dauern eine halbe Stunde. Am Ende werden wir nicht einmal gecheckt.
Die Schlüssel drehen das Türschloss um, wir machen das Licht an und alles ist heil.
Yom wahad fii falestin. Ein Tag in der Westbank.
Danke für deine Geschichten, die so bunt sind, dass das Ende einem Erwachen aus einem Tagtraum gleicht, dass man meint, den Duft der Mandarinen und den Anblick der Wüstenstraßen vor sich zu haben.
AntwortenLöschentolle photos, auch. :)
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