Donnerstag, 3. Dezember 2009

„I3d said!“

Und auch euch ein frohes Atha-Fest!

Endlich hiess es ein bisschen Freizeit haben, endlich ein paar Tage Ferien, als letzten Donnerstag die Zeit des fünf-tage währenden moslemischen Opferfestes Atha anbrach.

Zwar waren nach deutscher Bürokratie auch diese mit Kultur vollgestopften Erholungsmomente teuer mit Überstunden zu erkaufen (wir bekommen nur die christlichen Feiertage -nicht die Ferien!- als Zeit für uns zugestanden), aber den Genuss schmälerte das nicht.

Atha wird von Muslimen in der gesamten Welt begangen, um an daran zu erinnern, wie Ibrahem (Abraham) aufgefordert wurde, seinen Sohn zu opfern, im letzten Moment vom Schöpfer persönlich davon abgehalten wurde. Der Berg zu dieser Geschichte (Moria) befindet sich ungefähr 11 km von meinem Haus entfernt, das I3d („Fest“, wobei die 3 wie ein gewürgtes A klingt) ist das höchste Fest im liturgischen Jahr. Gleichzeitig markiert das I3d Atha („grosses Fest“ auf Fus'ha, Hocharabisch) auch den Höhepunkt der Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka.

Das Fest begann eigentlich schon 2 Tage vor seiner Zeit, als ich am Mittwoch Abend nach Hause kam und die Kinder unserer Familie vor dem Schafsstall ausser Rand und Band „Allah u akbar“ sangen und mir von allen Seiten in die Ohren plärrten, wie toll es doch sei, dass ich von der Arbeit heim gekommen sei, denn sie freuen sich ja so auf das Fest!

Tatsächlich hatte ich es endlich geschafft, etwas früher von Talitha weg zukommen, um einer grossen Freude nachzukommen – ich sollte mit meiner Tante „von oben“ Ma3moul machen, die traditionellen Süssigkeiten für das Fest (unser Haus ist in 4 Partien aufgeteilt, oben wohnt Onkel Hitler, Tante Hidaya und die 5 Kinder, in der Mitte „wir“, also meine 7 Geschwister plus Mama und Papa, unten rechts mein Opa und ich, unten links Onkel Mazen mit Tante Ayad und den 5en... viele Namen, hm? Da könnte man sich vorkommen wir im Mittelteil vom 1ten Buch Mose, wo allemöglichen Nachkommen Adams und ihr Alter aufgezählt werden)!

Ma3moul bestehen grundsätzlich aus einem Griesteig, gefüllt mit gewürzter Dattelmasse. Sie werden mit Kneifgäbelchen hübsch verziert oder mit Formen aus Olivenholz elegant gemacht.


Das Besondere an dieser Nacht (es wurden sehr viele Ma3moul gemacht) war nun aber nicht die Erweiterung meines persönlichen Round-The-Globe-Rezeptbuch, sondern viel mehr, nun endlich auch meine weibliche Verwandtschaft, die über Schwestern, Mutter und jungen Cousinen (bis ca. 12,13, wenn das Kopftuch anfängt) hinausgeht, näher kennengelernt zu haben und mich auch gerade wunderbar mit ihnen verstanden zu haben. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie sehr viel interessierter und unvoreingenommener die Unterhaltungen mit den Tanten sind, als mit den Onkeln. Sie können es sich von ihrem Selbstverständniss auch viel eher leisten, müssen sie doch nicht den festen, immer mit einer Meinung bestückten und natürlich niemals irrenden Öffentlichen Teil der Familie darstellen. Es ging um Geschichte, um meinen vergeblichen Versuch, das Konzept von Non-Violence seicht einzustreuen, um den Islam, um die Vertreibungsgeschichte der Dar Rafati (des Clans also)... und um sehr viel leichte Kost und viel Gelache! Meine Cousinen „von oben“ sind ziemlich gescheit und wissen ihren Spielraum gut auszufüllen, auch wenn ihr Vater (hier von allen Hitler genannt, weil er die Schafe umbringt) strenges Regelmass vorlegt und sie oben als die reichere auch die islamischere Familie darstellen.

Am Donnerstag hiess es dann für Sarah und mich fasten, so wie es sich gehört. Wir sind zu einem Berg gefahren, der Land einer palästinensischen Dorffamilie ist und innerhalb der nächsten Monate mit Bäumen bepflanzt werden muss, da er sonst -so die israelische Besatzungsrechtsprechung, in meinen Augen ohne Grund und logischen Boden- der nahebei gebaute Siedlung zufällt. Dort arbeiteten wir also mit einer israelo-palästinensischen NGO zusammen, pflanzten Mandelbäume und ich für meinen Teil zog mir üble Blasen in der Hand zu, die mich während der kommenden Tage als Entzündungen noch einige Male beschäftigen sollten.

Die Rückfahrt in einer „Portable Clinic“ von der UNRWA führte uns über einen Workshop im Deheisha Flüchtlingscamp zu dem beengten Wartekämmerchen der Permit-Behörde, in der unsere Freunde erfahren mussten, dass sie auch dieses mal und nicht mal zum wichtigen Atha-Fest, in dem sich die Familie versammeln und besuchen soll (also auch Familie hinter der Mauer), Erlaubniss bekamen, mit uns zwei die geplante Reise nach Jerusalem und andere Städte des Heiligen Landes zu besuchen. Tarek musste erneut schlucken, dass er auch in Zukunft noch nie einen Fuss in Jerusalem gesetzt haben würde. Weiter ging es durch undurchdringliche Felder- und Zaunwirren über die überall bebauten Berge Bethlehems, an den wunderschönen Denkmälern alter Baukunst aus dem Vorderen Orient in der Altstadt vorbei nach Hause.

Zuhause wurde dann zusammen das Fasten gebrochen, alle von einer großen Mansaf-Platte (gelber Reis mit Ziegenyoghurt, Lammfleisch und aufgeweichtem Brot, das traditionelle Essen für Gäste oder besondere Anlässe) essend.

Abends hiess es dann wieder ran an die Kekse – nun konnte ich meine erlernten Fähigkeiten bei meiner palästinensischen Mutter unter Beweis stellen. Das Öl für den Teig hat mich dabei wieder daran errinert, wo ich bin: Teil der ständigen Nahrungsmittelverteilung der World Food Program der UNO. Wie viele Gedanken dieses einfache Etickett in meinem Kopf auslösen konnte – die Flasche wurde auf irgenwelche unwahrscheinlich komplizierte, weitgereiste Weise von meinem Vater in Deutschland mitfinanziert...


Der Hahn krähte, als ich schon wach war. Die übliche Milch war getrunken, und um halb sechs ging es dann mit allen Männern und in schönster Tracht (Kinder bekommen zum I3d neue Klamotten und ein bisschen Geld geschenkt. Bei uns zuhause bekommt man nicht alle Tage neue Klamotten...) zur Moschee. Schon von weitem ertönte der Muhezzin, der aber dieses mal begleitet wurde von den wiederholenden Rezitationen der gesamten Betgemeinschaft.

Nach der Moschee wollten die Kinder, die ich nach Hause bringen sollte, unbedingt in die Geburtskirche. Ich fand die Idee sehr schön, nach dem Gedenken an Abraham zu seinem Nachfahren Jesu zu gehen, beim Rauskommen aus der Kirche war mein Vater aber wohl anderer Meinung. Zuhause folgte eine sehr ausgedehnte religiöse Ausführung – die Kirche an sich ist natürlich auch für Moslems, die Jesus als Propheten verehren, heilig. Das Problem ist nun aber die Tür; die Kreuzfahrer hatten die Geburtskirche der Heiligen Helena aus Verteidungsgründen so weit verbaut, dass die heutige Tür nicht mehr den noch zu sehenden 5x3 Meter-Umrissen entspricht, sondern ein mir nur bis zu den Schultern reichendes Steinkonglomerat ist. Über der Kirche ist natürlich ein Kreuz; Moslems verbeugen sich vor nichts als Allah, und Jesus ist auch nicht am Kreuz gestorben (Jesus ist gar nicht gestorben), also ist das Blasphemie und nicht gut. Mit Religion ist in diesem Breitengraden nicht leicht Kirschkerne zerkauen.


Wieder zurück, waren allesamt auf den Beinen und eines unserer Schafe wurde geschlachtet. Das Blut davon ist noch jetzt auf den Felsgestein vor der Tür, es regnet hier ja nie.

Der Rest der Feierlichkeiten wahr nun ein wiederkehrendes Wechselspiel aus Essen, noch mehr Essen, reden, fröhlich sein, Besuch bekommen, mit dem Besuch sprechen und als der Hauptinteressenspunkt in der Gesprächsrunde zu fungieren, selbst Leute zu besuchen und mit allen großen Spass zu haben.

Die gesamte Familie (aus unserem Haus) ist sehr stolz auf mich und das besondere Wohnverhältniss (sie als meine „neue Familie“, ein unbekanntes Konzept hierzulande), das wir leben.


Wie erwähnt, ist neben dem Essen Hauptbestandteil der Festtage das gegenseitige Besuchen der „Familie“, wobei der Begriff Dar es wegen der Weitläufigkeit wohl besser trifft. Ich habe das Gefühle, alle Rafatis mittlerweile zu kennen, wobei die Hundert von den 3000 natürlich nur Peanuts sind. Ein gewisser Teil lebt aber sowieso in Jordanien, wo sie nach '48 hinflüchteten.

Dieses Besuchen spielte sich in der Regel folgendermassen ab: Wir sitzen alle wie gehabt gemütlich im Salon und trinken Tee. Auf ein mal schreien die Mädchen, die am Fenster spähen auf, rufen irgendwelche Familiengrade und Ortsbezeichnungen durcheinander, streiten sich noch dreimal, wer es denn nun wirklich sei, während die Mütter schon das Nötigste wegräumen, die nächsten Ma3moul-Teller herrichten, den nächsten arabischen Kaffe aussetzen und wir Männer uns nach vorne in den Gästesalon setzen und die Horde erwarten. Eine ganze Traube an Männern tritt herein, unbemerkt schleichen die Frauen der Besucher ins hintere Zimmer zu den Damen des Hauses; es werden ausführliche Segnungen und Begrüßungen gesprochen, es wird sich geküsst und Frieden gewünscht, gesetzt, 15 min. über die Familiensituationen geredet, dem Ajnabi (ich, der Ausländer) werden die Namen aller Anwesenden und die untereinander verstrickten verwandschaftlichen Beziehungen genannt (hier rein, da raus) und nach dem Kaffee sind sie wieder weg, nicht ohne mich allesamt zu ihren in alle Winde verstreuten Häuser eingeladen zu haben.


Nun kenne ich sie alle. Nicht die, die im weiteren Sinne zu uns gehören, sondern alle hier in dem „Beit“ (Haus), und wir fühlen uns alle sehr viel näher gerückt und vertrauter. Es muss auch nicht mehr angekündigt werden, dass ich in die Wohnung komme, damit sich schnell alle verschleiern können, und mittlerweile bin ich jeden Abend mal bei jedem.


Am Samstag fuhren Sarah und ich dann mit Hitlers Familie und zwei weiteren sehr fürsorglichen, mir bereits wohl bekannten Cousins aus der Nähe mit dem Bus nach Jericho.

Dort wurde dann der jerichoer Tantenanteil zusammengeführt, es wurde wieder viel Geredet und Gegessen, meine Hand ist taub geworden und ich habe vorzüglich geschlafen. Am Sonntag haben sich Sarah und ich von dem erneuten Ausflug ins „Bananaland“ (das, was bei uns als öffentlicher Park gilt, gekreuzt mit einer Kirmes aus den 80ern) abgeseilt und uns lieber den umwerfend schönen Umayiden-Palast Qasr Hisham angeschaut. Die Ruine zeugt allein durch die paar erhaltenen Stuckaturen und behauener Steine, dem märchenhaft schönen Badehaus-Mosaiken und seiner eleganten Konzeption von der atemberaubenden Pracht dieses Traums aus 1001-Nacht, bei dem nicht ein Fleck frei von filigranen Knoten- und Rankenmustern war.


Jericho ist die tiefstgelegene und nach bisherigem Entdeckungsstand die älteste, ständig besiedelte Stadt der Welt. Sie liegt in einer wannenförmigen Senke vor dem Toten Meer und dem Jordanischen und palästinensischen Gebirge am Jordan. Das Klima ist sehr viel wärmer als auf den Bethlehemer Bergen, ganzjährig werden in dieser Wüstenoase Orangen, Bananen, Zitronen und Datteln angebaut. Ihre Geschichte reicht 10000 Jahre zurück, das heutige Jericho ist aber eine eher kleine arabische Wüstenstadt mit gutem Essen und kontaktfreudigen Leuten.


Montag war zwar der letzte Festtag, aber dieser gilt eher dem Ausruhen von den ständigen Besuchen und dem Zusammenkommen der wirklich nahen Familie. So wollten auch Sarah und ich uns ausruhen von dem vielen, vielen Gerede und der starken Dosis an arabischem Probleme-Bereden und kulturell-divergierend-wichtigen Dingen bequatschen; wir fuhren nach Jerusalem und labten uns am Rockefeller Museum und dessen grossartiger Architektur und Sammlung antiker Artefakte durch die Jahrtausende bis in die Osmanische Zeit hindurch. Danach entdeckten wir wieder Wunder im arabischen Viertel der Altstadt innerhalb ihrer wuchtigen Mauern, wurden zu Sherlock Holmes was Mameluken-Quoran-Schulen (17.Jrdht, beeindruckend schön...wenn man sich die ganzen Wäscheleinen, Plakate, wild gestrichene Türen und Fensterläden wegdenkt) angeht und kauften uns Ma3mul-Formen. Aus Olivenholz.


Das war also das Fest. Mein Atha Fest. Meine neue Familie.

Weniger ein Erguss literarischer Qualität

denn ein Situationsbericht.

Ich leibe und lebe – in Palästina.


….....................

Folgte man aber dem Drängen, es zöge einen immer weiter in die Ferne.

Leo N. Tolstoi


1 Kommentar:

  1. Oja, enfin quelqu'un qui pourra vraiment nous aider à faire des patisseries digne de ce nom! j'espere au'on vient á Paques
    Bibi, Lucyia

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